WELCOME

Interview mit Vincent Lindon

Was hat Sie an WELCOME berührt?

Als mir Philippe diese Geschichte erzählte, hat sie mich sofort mitgerissen. Ich erinnere mich, dass wir ein gemeinsames Essen hatten und ich ihm sagte, dass ich das Drehbuch nur zum Vergnügen lesen würde. Ich war mir bereits sicher, dass ich diesen Film machen wollte. Später, nachdem ich es gelesen hatte, rief ich ihn an, um ihm zu sagen, wie sehr ich von dieser schönen Mischung aus
Rauhem und Zärtlichem angetan bin, und dass wir schnell drehen sollten, da ich sehr ungeduldig war.
Ich liebe das Kino von Philippe, weil er es schafft, sich sehr stark von einem Thema ergreifen zu lassen – wie hier vom Schicksal der Flüchtlinge in Calais –, aber er geht es nie frontal an. Er erzählt es über die Figuren, ihre Gefühle, die Gefühle von Simon und Bilal, denn in diesem Film ist alles miteinander verbunden: die kleine Geschichte und die große. Die Dramaturgie ist dadurch viel stärker.

Hat Ihnen Philippe Lioret von Simon erzählt?

Nur in wenigen Worten. In Wahrheit haben wir vor allem über winzige Details gesprochen. Über die instinktiven Anteile, die eine Figur ausmachen. Während des Drehens haben wir stundenlang an der Hotelbar diskutiert, aber nicht unbedingt über den Film. Wir haben über das Leben gesprochen, die Frauen, unsere Kinder, unsere Lieblingsfilme.

Wie haben Sie die Figur gespielt?

Nochmal, es sind die Details, die mich interessieren. Im Kino machen Kleider Leute. Bei den Schwimmbadszenen konzentriere ich mich auf den Ausdruck, den meine Sportklamotten und die Badelatschen hervorrufen. Was für mich zählt ist das Wissen, dass die Erscheinung des Mannes, den ich spiele, glaubwürdig ist, die Schuhe, die Pfeife, das T-Shirt und auch ein wenig Bauchansatz. Simon ist ein Profi-Ex-Schwimmer, der zugenommen hat, seitdem er an keinem Wettbewerb mehr teilnimmt. Also musste ich, um Simon spielen zu können, selbst zunehmen, damit das Gewicht stimmt. Alles muss richtig klingen, die Figuren, die widerhallenden Geräusche im Schwimmbad, alles. Die Psychologie folgt hinterher; ich gehe zuerst die Form an, der Inhalt kommt danach.

Wie verliefen die Dreharbeiten?

Kaum war ich am Samstag Abend in Calais angekommen, nahm mich Philippe mit zum „Quai de la Soupe“, wo die Flüchtlinge zum Essen hinkommen. Beim Zurückfahren haben wir drei im Auto mitgenommen. Sie waren völlig verarmt, aber sie lächelten. Auf ihre Bitte hin ließen wir sie an einem völlig verlassenen Ort raus, der aussah wie eine riesige Mülldeponie, keine Menschenseele und kein Wohnhaus. Danach hat mich Philippe wortlos am Hotel abgesetzt. Wir verzichteten auf einen Kommentar. Das waren meine ersten Momente in Calais, und ich habe gesehen, was ich sehen musste. Am nächsten Morgen fingen wir an zu drehen.

Philippe Loiret erklärte, dass Sie seine Anweisungen vorhersahen.

Umso besser. Das ist alles, was ich für meine Arbeit ergründen muss: mich so zu bewegen, wie es sich der Regisseur vorgestellt hat, als er sich die Figur ausmalte, in dem Moment und an dem Ort innehalten, an dem wir beide uns vorstellen, dass die Figur das tut. Wenn man diese Osmose erreicht – und das kommt nur selten vor –, weiß man, dass es richtig ist.

Sie beide sind Persönlichkeiten, deren Aufeinandertreffen schwere Konflikte hätte auslösen können.

Absolut. Viele Leute, die uns beide kennen, fürchteten, dass es Konflikte geben könnte. Aber genau das Gegenteil passierte: Es gab nicht den leisesten Zweifel oder Vertrauensverlust zwischen uns beiden. Es war, als würden wir den Film zusammen drehen. Trotz zahlreicher verpasster Gelegenheiten für andere Filmprojekte, wusste ich im Grunde immer genau, dass es den Tag unserer großen Begegnung geben würde. Ich hatte den Eindruck, meinen Doppelgänger zu treffen.

Wie liefen die Dreharbeiten mit Firat Ayverdi, der den Bilal spielt?

Ich habe ihn weder als Kind noch als Laien betrachtet. In den ersten Tagen habe ich ihn wohl beeindruckt, aber sehr schnell wurde er lockerer und am Ende hatten wir so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung, ich habe ihn genauso beschützt wie Simon Bilal.