WELCOME

Interview mit Regisseur Philippe Lioret

Wie sind Sie auf die Idee zu WELCOME gekommen?

Zunächst einmal hatte ich den tiefen Wunsch, einen Film über dieses Thema – und keine anderes – zu machen. Über diese Menschen, die aus großer Bedrängnis aus ihren Heimatländern fliehend um jeden Preis das Eldorado erreichen wollen, das Großbritannien in ihren Augen darstellt, und die sich nun nach einer unglaubliche Reise in Calais wiederfinden, schikaniert, misshandelt und gedemütigt, nur wenige Kilometer von der englischen Küste entfernt, die sie sogar schon sehen können.

Eines Abends, als ich darüber mit Olivier Adam sprach, wurde mir klar, dass dieser Ort ein wenig unsere mexikanische Grenze ist, dass man nur ein wenig tiefer schürfen müsste, um da eine ausgezeichnete Dramaturgie zu finden. Ich habe mit Emmanuel Courcol darüber gesprochen, und wir haben dann über eine Geschichte nachgedacht, die in diesem Rahmen passieren könnte.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Emmanuel und ich haben Kontakt zu den Verbänden aufgenommen, die sich um die Menschen dort kümmern, und wir sind nach Calais aufgebrochen. Während einiger eisig kalter Tage im Winter begleiteteten wir die Arbeit der Ehrenamtlichen und kamen in Berührung dem höllischen Leben der Flüchtlinge: der „jungle“, in dem sie Obdach gefunden haben, die Schutzgelderpressungen der Menschenschmuggler, die unaufhörlichen Verfolgungen durch die Polizei – eine ganze Garnison des CRS kümmert sich nur um sie –, die Gefängnisse für Abschiebehaft, die Kontrollen der Lastwagen, in denen sie sich verstecken, um auf die Fähren kommen, wo sie ihr Leben riskieren, um den CO2- und Herzschlag-Detektoren und den Scannern zu entgehen.
Was uns sehr überrascht hat, war das Alter der Flüchtlinge, die ältesten sind gerade mal 25 Jahre alt. Es gibt sogar erst 15 Jahre alte Jungs, die diese verrückte Reise alleine unternehmen. Sylvie Copyans von der Organisation Salam erzählte uns, dass einige von ihnen aus Verzweiflung versuchten, schwimmend den Ärmelkanal zu überqueren. Nach einigen Tagen sind wir mit dem Auto nach Paris zurückgefahren, ohne ein Wort miteinander zu sprechen – zuviel hatten wir gesehen und erlebt.

Wie hat das Drehbuch Gestalt angenommen?

Die Geschichte eines jungen Typs, der den Ärmelkanal durchschwimmen möchte, hat uns keine Ruhe gelassen. Zuerst sagte Emmanuel: Er geht ins Schwimmbad von Calais, um zu trainieren. Und ich fügte hinzu: Und er trifft einen Schwimmlehrer. Mit zwei Sätzen hatten wir das Gerüst und die Protagonisten, und natürlich wussten wir, dass wir das nicht überinszenieren und das Erlebte der Flüchtlinge nicht verraten wollten. Das Thema war so stark, so sehr verkörpert durch die Aktualität der Migranten, dass Aufrichtigkeit vorherrschen musste.

So fanden Sie die Figur von Simon.

Wir mussten den dokumentarischen Aspekt verlassen und die Personen auf ihre persönliche Geschichte zurückführen, auf ihre emotionale Beziehung, die das Leben eines jeden so entscheidend beeinflusst und die oft hinter allem steht.

Und beim Beobachten der Ehrenamtlichen fiel mir ein, dass sicherlich einige von ihnen Partner haben, die wahrscheinlich nicht immer dasselbe Engagement und diese Großzügigkeit haben.
Simon hat diese Fehlbarkeit, die wir alle haben, wir sind weit davon entfernt, perfekt zu sein. Am Anfang hat er wie alle Bürger von Calais kein Interesse an den Problemen der Migranten – er nimmt sie einfach hin. „Er senkt den Blick und geht nach Hause“, wie seine Exfrau Marion sagt. Als er jünger war, verpasste er haarscharf eine Karriere als Sportler, und dieses Scheitern hat ihn verbittert. Er hat sich in seinem Leben als Schwimmlehrer verschanzt, und sein einziges Problem ist, dass Marion ihn verlassen hat.

Als er Bilal trifft, hilft er ihm aus den niedrigsten Gründen. Er schlägt ihm und dessen Freund Zoran nur vor, sie zu beherrbergen, um Marion zu beeindrucken, um ihr zu beweisen, dass er nicht der fanatische Einzelgänger ist, für den sie ihn hält, und das alles mit dem Ziel, sie zurückzuerobern. Und das gerät außer Kontrolle: Illegalen Immigranten zu helfen ist vom Gesetz untersagt.

Er zeigt mit dem Finger auf ein Räderwerk, das er nicht beherrscht.

Und er wird von diesem Mechanismus erfasst. Je mehr ihm die absolute Ungerechtigkeit, die um ihn herrscht, bewusst wird, desto stärker bemüht er sich um Bilal.

Bilal will nach England, um Mîna wieder zu treffen. Man könnte den Film auch so zusammenfassen: Ein Mann verliert eine Frau und ist davon völlig erschüttert. Ein anderer, jüngerer, liebt eine Frau und will sie um jeden Preis wiederfinden.

Und diese beiden Schicksale kreuzen sich und prallen auf die absurde Weltordnung. Der Film zeigt, dass eine Begegnung dabei helfen kann, über sich selbst hinauszuwachsen. Ich glaube, dass wir das alle machen, da wir lieber an Gefühle und Intelligenz glauben als an Zynismus.

Die Situation erinnert an die wenig glorreiche Epoche der Besatzung.

Ja, all das hätte 1943 stattfinden können und könnte von um einem Typen handeln, der Juden bei sich versteckt und erwischt wird. Außer, dass das heute 200 km von Paris entfernt stattfindet.

Haben Sie an Vincent Lindon gedacht, als Sie das Drehbuch schrieben?

Bei meinen früheren Filmen, bei der Ideenfindung, habe ich oft an ihn gedacht. Zuerst weil ich finde, dass er ein begnadeter Schauspieler ist, und zweifellos auch, weil ich den Eindruck habe, dass uns etwas verbindet. Aber in der Phase des Schreibens versuche ich, nicht an Schauspieler zu denken, sondern konzentriere mich auf die Figuren. Außer dieses Mal, da haben wir zwischen diesen beiden Stadien zusammen zu Mittag gegessen, und dabei habe ich ihm die Geschichte erzählt. Er meinte, dass er den Film machen würde ohne das Drehbuch zu lesen. Vincent ist ein Typ mit Herz, und ich glaube, dass ihm die Idee gefiel, sich über die Figur des Simon hinaus auf dieses besondere Projekt einlassen wollte. Ich habe also doch beim Schreiben an ihn gedacht, und seit dem Tag hat nichts unserer Zusammenarbeit widersprochen. Dennoch fürchteten die Leute, die seine und meine Persönlichkeit kennen, dass zwischen uns die Fetzen fliegen würden. Aber da wir beide in die gleiche Richtung – die des Films – gingen, stimmte die Chemie außergewöhnlich gut und hat das Endresultat stark beeinflusst.

Welche Art von Schauspieler ist er?

Er ist fähig, Gefühle durch eine einfache Geste oder Haltung zu vermitteln. Dank ihm kann man oft ein Wort oder einen Satz einsparen. Er ist ein Mann, der sich engagiert, ein Perfektionist. Als Schauspieler ist er immer einfühlsam und versucht eher, genau zu sein als eine Wirkung zu erzielen. Genau deshalb verkörpert er Simon auf eine verblüffende Weise. Ich weiß, dass es zum guten Ton gehört, nach einem Film nur Gutes voneinander zu sagen, aber mit ihm hatte ich ein wirklich schönes Zusammentreffen, künstlerisch und menschlich. Seit dem Ende der Dreharbeiten sprechen wir uns jeden Tag und sehen uns oft. Es wird noch weitere gemeinsame Filme geben.

Und Audrey Dana?

Audrey ist das was die Angelsachsen „the girl next door“ nennen, das Gegenteil eines Sternchens. Es dauerte bis ich sie fand. Ich brauchte eine Frau, die als Lehrerin überzeugte und die aus bloßem humanem Engagement heraus den Flüchtlingen Nudeln serviert. Ich wollte auch keine militante Feministin, ich wollte eine junge Frau, die sich in ihrer Haut wohlfühlt und die eine Großzügigkeit in sich trägt, die nicht aufgesetzt ist. Audrey hat diese Freigiebigkeit. Marion ängstigte sie ein wenig, aber sie mochte die Geschichte sehr, und ich war sicher, dass sie genau richtig war. Sie ist absolut jemand, die die Dinge sehr ernst nimmt, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen.

Wie haben Sie Bilal gefunden?

Wie eine Stecknadel im Heuhaufen. Das war das größte Stück Arbeit des Castings. Wenn man eine Figur erfindet, die 17 Jahre alt ist, nur kurdisch und englisch spricht und die mit Vincent den Film schultern muss, schwitzt man schon Blut und Wasser. Ich wusste noch nicht mal, ob so ein Typ überhaupt irgendwo auf der Welt existiert. Mit der Castingdirektorin Tatiana Vialle bin ich wochenlang herumgereist, nach Berlin und Istanbul, dazwischen nach London und Schweden, wo wichtige kurdische Gemeinden leben. Schließlich fanden wir Firat in Frankreich. Natürlich war er kein professioneller Schauspieler, und die ersten Aufnahmen waren ziemlich ... speziell. Aber er hatte eine Intensität und Wahrhaftigkeit, die den Unterschied ausmachten.

Wollte er Schauspieler werden?

Überhaupt nicht. Nein, er musste sogar selbst davon überzeugt werden, und seine Eltern auch. Danach glaubte ich, mit ihm an der Rolle arbeiten zu müssen, mit vielen Proben, aber schlussendlich ließ ich ihm lieber seiner Natürlichkeit und habe nichts gemacht. Je näher der Drehtag kam, desto mehr Bammel hatte ich, und er auch. Aber einmal auf dem Set, war er drei Stunden sehr beeindruckt, und danach hat er ganz natürlich seinen Platz und den richtigen Ton für seine Rolle gefunden.

Es gibt sehr viele Laiendarsteller im Film.

Alle jungen Kurden, die Bilal in Calais trifft, haben wir gefunden, als wir den Schauspieler für Bilal suchten. Die meisten kommen aus Istanbul, aus Berlin ... Ich habe viel von ihnen gelernt. Man muss schnell drehen, ohne Proben, man muss sie sich entwickeln lassen, ohne große Vorgaben. Für sie war es ein großes Abenteuer – für mich übrigens auch. Ich habe tolle Entdeckungen gemacht: Derya, die die Mîna spielt, hat sich als außergewöhnliche Schauspielerin entpuppt, die seitdem große Lust hat, diesen Beruf auszuüben. Mit ihr drehte ich eine sehr komplizierte Szene in einem einzigen Take, ohne Probe, nur aus ihrem Instinkt heraus. Sie ist unglaublich.
Viele der anderen Schauspieler, die ich besonders mag, haben schon in meinen anderen Filmen mitgespielt: Emmanuel Courcol, mein Codrehbuchschreiber, Blandine Pélissier, Eric Herson-Macarel, Gilles Masson ... Und über Tatiana habe ich so wertvolle Menschen getroffen wie Olivier Rabourdin, der den Polizeileutnant spielt – eine superschwierige Rolle, denn da wir täglich 45 Polizisten im Fernsehen sehen, musste dieser sich vom Konventionellen abheben – Patrick Ligarde, der denunzierende Nachbar, Thierry Godard, Jean-Pol Brissard, Yannick Renier ...

Die Ausstattung und die Drehorte sind – wie oft in ihren Filmen – wichtige Handlungsträger.

Das ist auf jeden Fall beim Schwimmbad so, das ist ein Katalysator: Es beschwört nicht nur die geplatzte Karriere von Simon herauf, es ist auch der Ort, an dem Bilal schwimmen lernt, in der Hoffnung, den Ärmelkanal überqueren zu können.
Es war sehr wichtig für mich, an den Handlungsorten zu drehen. Wenn man an den echten Orten dreht, erzählt man die Geschichte besser: die Straßen von Calais, der gigantische Kanalhafen, der Strand von Blériot und die unablässig vorbeiziehenden Fähren...all diese Umgebungen verschaffen dem Film Wahrheit. Der Produzent Christophe Rossignon und ich machten eine Ehrensache daraus, die Wahrheit zu unterstreichen und nicht aus ökonomischen Gründen in Tschechien oder Rumänien zu drehen. Der Film gewinnt dadurch enorm.

Die Inszenierung ist allgegenwärtig, doch die Kamera erscheint sehr diskret, fast unsichtbar

Um eine Szene gut zu filmen, gibt es keine möglichen 36 Kameraorte, man muss den richtigen finden. Ich verlange von den Schauspielern den richtigen Ton, aber auch die Kamera kann auf ihre Art falsch sein.
Wenn man sie in einer Szene zu stark spürt, wenn die Kamerabewegungen unmotiviert oder dekorativ sind, sagt man sich unbewusst: „Oh, das ist Kino“, und ich habe den Eindruck, dass man etwas verliert anstatt dazuzugewinnen. Und wenn mir als Zuschauer der Film gefällt, dann ist das, als ob man mir ein Geschenk machen würde. Aber wenn ich zu sehr die Arbeit bemerke, dann habe ich das Gefühl, dass das Preisschild noch zu sehen ist.

In den ersten 15 Minuten des Filmes hat man das Gefühl, eine unbekannte Welt zu entdecken.

Und sie ist dennoch so nah. Das ist gut: im Kino eine Facette des Landes, in dem man lebt, zu entdecken, die man nicht kennt. Die Wirkung der Fernsehsendungen über die Probleme der Migranten, der Flüchtlinge, der Illegalen verliert sich in der medialen Kakophonie. Alle Reportagen, alle Debatten und alle legitimen Revolten helfen am Ende gar nichts, da niemand mehr zuhört. Also mache ich lieber einen Film, der auf der großen Leinwand eine Geschichte von diesen zwei Männern und diesen zwei Frauen erzählt, die inmitten dieses Durcheinanders mit ihren Gefühlen konfrontiert werden. Ich hoffe, den Zuschauer, der im Dunkeln sitzt, damit zu berühren und ihm zu einer eigenen Vorstellung von all dem zu verhelfen. Und ich hoffe auch, dass der Film ihm ein wenig haften bleibt.