TUYAS
HOCHZEIT
WANG Quan'an (Regie und Drehbuch)
Er wurde 1965 in Yanan, Shaanxi, geboren. Nach dem Studium an der Filmhochschule
in Peking arbeitete er 1991 für das Xian-Filmstudio und schrieb nebenher
Drehbücher. Sein 2000 entstandenes und auf internationalen Festivals
ausgezeichnetes Spielfilmdebüt YUE SHI / LUNAR ECLIPSE war 2002 im
Berlinale Forum zu sehen. Sein zweiter Film JINGZHE / THE STORY OF ERMEI
(ebenfalls mit YU Nan in der Hauptrolle) lief 2004 im Panorama der Berlinale.
Filmographie
2006 TUYAS HOCHZEIT
2003 JINGZHE / THE STORY OF ERMEI
1999 YUE SHI / LUNAR ECLIPSE
Über seine Beweggründe, diesen Film zu drehen:
"Meine Mutter wurde nahe des Drehorts in der Inneren Mongolei geboren.
Ich habe darum die Mongolen, ihre Lebensart und ihre Musik schon immer
sehr gern gemocht. Als ich erfuhr, dass die gewaltige Ausbreitung der
Industrie die Steppe immer wüstenähnlicher werden lässt
und die örtliche Verwaltung die Hirten zwingt, ihre Weidegründe
zu verlassen, beschloss ich, einen Film zu drehen, der alles dies festhält,
bevor es endgültig verschwindet."
"Meine Filme spiegeln alle die soziale Realität Chinas wider.
Ich drehe solche Filme, weil es wenige Filme gibt, die das Thema behandeln.
Zur Zeit handeln kaum noch chinesische Filme von der wirklichen chinesischen
Gesellschaft und dem realen Zustand, in dem sich die chinesische Bevölkerung
befindet, daher ist dieser Film eine Ausnahme."
WANG Quan'an hat bisher drei Filme gedreht, die alle die Situation von
Frauen thematisieren. Seiner Meinung nach haben "Frauen mehr Fingerspitzengefühl.
Ihre Reaktion auf einen Vorfall trifft oft den wesentlichen Punkt der
aufgeworfenen Fragen. Ich habe vollen Respekt vor Frauen."
Schon während seines zweiten Films THE STORY OF ERMEI ist ein internationales
Drehteam um WANG Quan'an entstanden. Seine Hauptdarstellerin spricht fließend
Englisch und Französisch und hat bereits mit ausländischen Regisseuren
zusammengearbeitet. Der Kameramann für THE STORY OF ERMEI und TUYAS
HOCHZEIT war Lutz Reitemeier aus Deutschland (Kamera u.a. bei Die chinesischen
Schuhe, 2004, Die Spielwütigen, 1997-2004, Die Überlebenden,
1994-1996). Er hat sich WANGs Film LUNAR ECLIPSE angesehen und entschied
sich zur Zusammenarbeit.
YU
Nan (Tuya)
Geboren 1978. YU Nan absolvierte die Filmhochschule in Peking. Sie spricht
fließend Englisch und Französisch. Als Hauptdarstellerin des
Films LUNAR ECLIPSE gewann sie im Jahr 2000 mehrere internationale Preise.
2001 spielte sie die Hauptrolle in dem französischen Film FUREUR.
Für ihre Darstellung in THE STORY OF ERMEI gewann sie fast alle chinesischen
Preise in der Kategorie "Beste Schauspielerin" 2003 und 2004.
Nach TUYAS HOCHZEIT wird sie auch im vierten Film von WANG Quan'an, TEXTILARBEITERIN,
wieder eine Rolle übernehmen.
Filmographie
2006 TUYAS HOCHZEIT
2003 JINGZHE / THE STORY OF ERMEI
2001 FUREUR
2000 YUE SHI / LUNAR ECLIPSE
Auszeichnungen
2004 Internationales Filmfest Paris, Beste Schauspielerin, STORY OF ERMEI
2003 Chinesischer Filmpreis, Golden Rooster Award, Beste Schauspielerin,
STORY OF ERMEI
2003 Studenten Filmfestival China, Jury Preis, Beste Schauspielerin, STORY
OF ERMEI
2003 Verband der Chinesischen Filmdarsteller, Beste Schauspielerin, STORY
OF ERMEI
2001 Deauville Film Festival, Beste Schauspielerin, LUNAR ECLIPSE
Lutz Reitemeier (Kamera)
Geboren 1963 in Baden-Württemberg, kam Lutz Reitemeier 1998 zum
ersten Mal nach China, als er mit der Filmemacherin Solveig Klaßen
den Dokumentarfilm JENSEITS VON TIBET drehte. Seitdem hat er in China
für drei weitere Dokumentarfilme die Kamera geführt. TUYAS HOCHZEIT
ist der zweite Spielfilm, den er mit dem chinesischen Regisseur WANG Quan'an
in China gedreht hat. Kennen gelernt haben sich die beiden bei einer Party
zum chinesischen Neujahrfest während der Berlinale. Zwei Jahre später
präsentierten sie dort ihren ersten gemeinsamen Spielfilm THE STORY
OF ERMEI (2003) über eine Zwangsverheiratung.
Filmografie (Kamera)
2006 TUYAS HOCHZEIT / TUYA DE HUN SHI
2005 ICH NARR DES GLÜCKS - HEINRICH HEINE (TV)
2004 CHUN HUA KAI / PLASTIC FLOWERS
DIE CHINESISCHEN SCHUHE
DIE SPIELWÜTIGEN
2003 JINGZHE / THE STORY OF ERMEI
MEINE KAMERA LÜGT NICHT
2001 HANDS UP!
2000 JENSEITS VON TIBET - EINE LIEBE ZWISCHEN DEN WELTEN
Interview mit Lutz Reitemeier
Herr Reitemeier, ein deutscher Kameramann dreht in einem chinesischen
Team mit mongolischen Laiendarstellern einen Film - sind das nicht ein
wenig viele Kulturschocks auf einmal?
Lutz Reitemeier: Es stimmt schon, dass dabei immer wieder absurde Situationen
entstehen, mit denen man überhaupt nicht rechnet. Aber zum Glück
habe ich einen Mitarbeiter aus Deutschland, der bis jetzt bei allen meinen
China-Filmen als Oberbeleuchter dabei war. Es ist wichtig, dass man in
der Fremde eine Vertrauensperson dabei hat, mit der man auch mal gemeinsam
lachen kann.
Was reizt Sie an China?
Die Gegensätze. Die Glaspaläste und die Wanderarbeiter. Die
Metropolen und das bitterarme Land. Der perlmuttgraue Himmel und die roten
Schriftzeichen. Und dass die Leute dort so viel Kraft haben. Viele sind
wie die Hauptfigur Tuya aus unserem neuen Film. Sie sind auf eine phantastische
Art eigensinnig.
Wie kommunizieren Sie, wenn Sie in China drehen, mit dem Regisseur,
den Darstellern, dem gesamten Team?
Ich spreche kein Chinesisch, wir haben aber immer sehr gute Übersetzer
vor Ort, die ich mir im Vorfeld selbst aussuche. Das sind meistens Studenten,
die Englisch nicht in der Schule, sondern über untertitelte Hollywood-Filme
gelernt haben und sich sehr in die westliche Kultur hineinträumen.
Das meine ich durchaus positiv!
Und das funktioniert?
Bei meinem ersten Spielfilm mit WANG Quan'an war ich noch sehr aufgeregt
und hatte Angst, dass ich komplett scheitern würde. An deutschen
Filmsets wird viel besprochen. Erst in China habe ich gemerkt, dass das
gar nicht nötig ist. Und dass Filmsprache viel universeller ist,
als man denkt. WANG Quan'an arbeitet sehr dokumentarisch, sehr viel mit
Laiendarstellern. Man kann also weniger planen als bei einer Spielfilmproduktion.
Sie meinen, sonst sind chinesische Spielfilmproduktionen besser durchgeplant?
Überhaupt nicht. Anders als in Deutschland gibt es fast keine Dispo.
Man muss sich einfach fallen lassen und akzeptieren, dass man manchmal
erst spät abends erfährt, wie es am nächsten Morgen weitergeht
und dass man manchmal auch nur indirekt von Änderungen erfährt.
Das klingt nach Stress.
Andererseits gibt es einem viel Freiheit. Wenn bei einem Dreh in China
etwas schiefläuft, ist das kein so großes Problem wie vielleicht
in Deutschland, wo jeder weitere Drehtag eine finanzielle Katastrophe
ist.
Filme zu drehen ist in China als günstiger?
Die Löhne in China sind ja sehr niedrig. Also können chinesische
Produktionen ganz anders mit der Ressource Arbeitskraft umgehen. Die Teams
sind riesig. Überhaupt empfinde ich das ganze chinesische Filmwesen
noch immer als sehr sozialistisch. Da müssen zum Beispiel morgens
alle Busse eine Stunde warmlaufen - CO2-Ausstoß hin oder her. Dann
kommen die Chauffeure, dann kommt nach und nach das Team, und nach einer
weiteren halben Stunde bis Stunde kommt der Regisseur und es kann endlich
losgehen. Es müssen auch immer alle Busse mit dem gesamten Equipment
und dem vollständigen Team mitfahren. Dabei ist es ganz egal, ob
es an diesem Tag womöglich nur um eine Landschaftsaufnahme geht.
China ist ein Filmland, es gibt dort viele gute einheimische Kameraleute,
und auch im Bereich des Dokumentarfilms ist in China seit den 90er-Jahren
viel passiert. Setzt Sie das als Fremder nicht unter Leistungsdruck?
Der Dokumentarfilm ist in China noch nicht so alt wie im Westen, und es
gibt nicht sehr viele Kameraleute wie mich, die sowohl Dokumentarfilme
drehen können als auch Spielfilme. Auch das Cinema direct oder das
Cinéma vérité ist erst in den letzten zehn, 15 Jahren
in China entdeckt worden. Deshalb sind die Filmemacher dort noch sehr
auf der Suche. WANG Quan'an wird sich etwas dabei gedacht haben, mit mir
arbeiten zu wollen. Ich fand es auch beruhigend, dass er auf mich zukam,
ich mich also, um in China arbeiten zu können, niemandem aufdrängen
musste.
Warum, glauben Sie, hat sich WANG Quan'an für Sie entschieden?
Ich komme vom Dokumentarfilm her, und obwohl ich im Alltag eher schüchtern
bin, habe ich beim Drehen wenig Scheu, mit der Kamera nah an Menschen
heranzutreten. Die Kamera ist für mich wie ein Schutzschild. Außerdem
geht es wohl auch um einen Technologie- und Know-how-Transfer. Es ist
schon oft passiert, dass es ein chinesischer Film nicht durch die Zensur
geschafft hat, wenn die technische Qualität nicht stimmte - eine
einfache Begründung, die es einem erspart, über Inhalte reden
zu müssen. Ich vermute, dass das auch ein Grund dafür war, warum
WANG Quan'an mit mir arbeiten wollte und weiterhin mit mir arbeiten will.
Aber so richtig offen ausgesprochen wurde das nie. Wie so vieles in China.
Das Interview wurde geführt von Susanne Messmer, Freie Journalistin
|