TANDOORI LOVE

Anmerkungen des Regisseurs Oliver Paulus

Gotthelf meets Bollywood

Als ich vor knapp 20 Jahren das erste Mal durch Indien reiste, staunte ich nicht schlecht, als ich auf der Leinwand im Kino irgendeiner abgelegenen indischen Kleinstadt plötzlich das Berner Oberland entdeckte. Das Bollywood-Liebespaar eines Films, an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnere, tanzte ohne ersichtlichen Grund oder dramaturgischen Zusammenhang mitten auf der Straße von Zweisimmen und blockierte ganz offensichtlich den Verkehr. Noch mehr staunte ich, als ich wenige Wochen später in einem anderen Kino, in einer anderen Region des Landes, realisierte, dass jener Film offensichtlich kein Einzelfall war. Damals war Europa noch nicht von einer Bollywood-Euphorie erfasst, und kaum jemand wusste, dass jährlich bis zu 30 indische Produktionen den Alpen einen Drehbesuch abstatteten. Die Idee, eine Geschichte zu erzählen, in der ein indisches Filmteam die beschauliche Schweizer Bergwelt durcheinander bringt, hat mich seither nie mehr losgelassen.
TANDOORI LOVE ist als skurrile Komödie angelegt, die Anleihen beim Bollywood-Film macht und in einem von Traditionen geprägten Gasthof in den Berner Voralpen angesiedelt ist. Der „Hirschen“, stellvertretend für ein geradezu Gotthelfsches Universum, nüchtern, unbeweglich und verschroben, wird eingenommen von der artifiziellen, bunten Traumwelt Bollywoods, die sich durch überbordende Gefühle, Sinnlichkeit und charmanten Kitsch auszeichnet. Der Film spielt und kokettiert mit den Eigenheiten, Vorurteilen und Identitäten dieser beiden so unterschiedlichen Welten.
HEIDI (1952) beginnt mit einer Einstellung auf eine unberührte Berglandschaft, dazu erklingt ein herzhafter Jodel, der allmählich von einem ganzen Orchester übernommen wird. Man könnte das als sentimentalen Kitsch abtun, aber es ist kaum zu leugnen, dass die Szene eine Gänsehaut auslöst. Die indische Filmindustrie hat unsere Alpen bereits in den 60er Jahren entdeckt und die Schweiz in Indien zum Mythos vom Paradies hochstilisiert: Wer es sich leisten kann, verbringt seinen „Honeymoon“ im Berner Oberland. Im Schweizer Kinofilm waren die Berge, für die unser Land weltberühmt ist, in letzter Zeit eher selten zu sehen. „We need more tears!“, die einzige, immer wiederkehrende Regieanweisung des Bollywood-Regisseurs in TANDOORI LOVE, ist daher nicht nur ein Running Gag, der stellvertretend für das indische Mainstream-Kino steht, sondern auch ein Appell für mehr Mut zum Kitsch.
Dem aus westlicher Perspektive völlig unverständlichen, chaotischen Habitus des Bollywood-Filmteams steht in der Welt des „Hirschen“ ein urig-schweizerischer Stammtisch gegenüber, der das Geschehen nüchtern beobachtet und mit einem eigenwilligen, derben und dezidierten Humor kommentiert. Quasi ein bodenständiger, versoffener „griechischer Chor“, der zunehmend Partei ergreift und schlussendlich Sonja zu ihrem Glück verhilft.

Musik und Tanz
Ein Bollywood-Film zeichnet sich vor allem durch seine Sing- und Tanz-Szenen aus. Diese sogenannten „Songs“ bieten eine elegante und höchst amüsante Möglichkeit, innere Befindlichkeiten auszudrücken und emotional zu vermitteln. Es sind vor allem diese – zumeist romantischen – Musicalszenen, für deren überschwängliche Bebilderung die indische Traumfabrik unsere Bergwelt immer wieder aufsucht – so auch das Bollywood-Filmteam in TANDOORI LOVE. Subtil karikierend haben wir diese Szenenfragmente auch als Ausdruck für kulinarische und erotische Ekstase verwendet, die im westlichen Mainstream üblicherweise in Liebes- und Sexszenen dargstellt würde.
Da bollywood-unerfahrene Zuschauer mit solchen Musicaleinlagen unter Umständen wenig anfangen können und einige sie erfahrungsgemäß sogar als irritierend empfinden, sind die Songs in TANDOORI LOVE „europatauglich“ umgesetzt – es sind wesentlich kürzere und zeitgemäße Popmusik-Kompositionen mit Choreografien, die mitunter einen spielerischen, ironischen Blick auf das Genre werfen. Vor allem aber soll das Publikum den überraschenden, ungewohnten „Singsang“ zunächst mit dem gleichen Befremden erleben dürfen wie die Protagonistin des Films, wenn diese sich unvermittelt mit dem gesungenen Heiratsantrag eines „Außerirdischen“ konfrontiert sieht. Erst im Verlauf der Geschichte entdeckt Sonja den Reiz dieser bizarren „indischen Ausdrucksform“ und wird, wie das gesamte Bergdorf (und hoffentlich auch das Publikum), von Rajahs exotischer Musicalwelt infiziert.

Küche und Kamera
In TANDOORI LOVE geht die Liebe durch den Magen. Niemand käme auf die Idee, dass der absonderliche Inder, der sich im Supermarkt in die attraktive, kühle und höchst abweisende Schweizerin verliebt, das Herz seiner Angebeteten schließlich gewinnt. Doch seinen Kochkünsten und vor allem der hingebungsvollen Leidenschaft, mit der Rajah seine kulinarischen Zaubereien kreiert, kann auch Sonja sich nicht entziehen. Dementsprechend haben wir der Kunst dieser lukullischen Verführung eine besondere visuelle Sinnlichkeit eingeräumt. Unterstützt werden Rajahs „miracles of the Indian kitchen“ von einer Filmmusik, die sich einer leidenschaftlichen und zugleich humoristischen, schweizerisch-indischen „Fusion“ verschreibt.
Da ich selbst ein passionierter Koch bin, war es mein persönlicher Ehrgeiz, dass alle Rezepte dieser eigens für den Film komponierten „Nouvelle Cuisine Indienne“ nicht nur kochbar sind, sondern auch höchsten kulinarischen Anforderungen genügen. Um der Figur des indischen Kochs gerecht zu werden und um die regional und soziologisch unterschiedlichen, kulinarischen „Weltanschauungen“ zu verstehen, habe ich mehrere Wochen in den unterschiedlichsten Küchen Indiens verbracht und ausgiebig recherchiert.
TANDOORI LOVE setzt sich über viele Sehgewohnheiten hinweg und überrascht den Zuschauer mit einem Wechselbad der Stile und Gefühle, ganz im Sinne Bollywoods: Ein erfolgreiche Bollywood-Produktion soll alle neun „Rasas“, die traditionell überlieferten Bestandteile indischer Kunst, enthalten – das Romantische, das Komische, das Traurige, das Gewalttätige, das Heroische, das Furchteinflößende, das Abstoßende, das Wundersame und das Friedliche. Für das europäische, an Ironie gewohnte Publikum halte ich nicht alle neun „Rasas“ für erforderlich. Vielmehr haben sie mich dazu inspiriert, die Verbindung von schriller Komödie und dramatischer Liebesgeschichte mit üppig-visuellen bis grotesk-burlesken Elementen zu wagen.

Oliver Paulus