TAGE ODER STUNDEN

Gespräch mit Albert Dupontel

Welche Erinnerungen rufen die Filme von Jean Becker in Ihnen wach?
Wenn man nach einem gemeinsamen Nenner bei all seinen Filmen sucht, so ist das zweifellos die enorme Sinnlichkeit: man hört dort das leiseste Rauschen des Windes, das Summen der Insekten. Und es gibt auch diese ständige und unpassende Mischung aus Drama – wie in Ein mörderischer Sommer – und süßem Leben - wie in Les enfants du marais, diese Mischung aus Pessimismus und Optimismus, Gutmütigkeit und Gewalt - eine seltsame Zusammenstellung, die in Tage oder Stunden perfekt erreicht wird. Dieser Film ist für sich allein ein tolles Kondensat von Jeans Arbeit.

War es schwierig, diesen rätselhaften Charakter des Antoine zu erfassen?
Es gab keine speziellen Schwierigkeiten ... ich bin da jedes Mal für alles offen: Sich keine Fragen stellen, sich jeden Tag ein bißchen mehr der Rolle hingeben, Antoines Vorhaben weder versuchen zu entschuldigen noch zu rechtfertigen, einfach nur verstehen und ihn mögen – egal, was er tut. Antoine reagiert angesichts seines Schicksals wie ein Held: Er packt es an und geht seinen Weg. Das ist zugleich frech, egoistisch, verrückt, mutig, aber vor allem unglaublich elegant. Er wird wieder er selbst in diesem einzigartigen Augenblick seines Lebens.

Könnten Sie so sein wie dieser Typ, der alles durcheinanderwirbelt aus Gründen, die man erst am Schluss des Films erfährt?
Ich weiß nicht, ob ich den Mut dazu hätte und, ehrlich gesagt, wäre ich froh darum, niemals vor so einer Gewissensfrage stehen zu müssen.

Wenn man diese Szenen sieht, wo Antoine richtig loslegt, liegt die Vermutung nahe, dass Ihnen das großen Spaß gemacht hat ... stimmt das?
Nicht mehr und nicht weniger als in den anderen Szenen. Ich sage es noch einmal, ich identifiziere mich mit Antoines Gefühlen, aber nicht unbedingt mit dem, was er sagt. Es war ein großes Vergnügen, bei dem Abendessen mit den Freunden diesen Angriff auf das Kleinbürgerliche zu inszenieren – ebenso wie die Szenen, in denen Antoine seinen Vater wieder trifft.

Antoine bemängelt insbesondere die verkalkte Bequemlichkeit des Paares. Was zählt auf der Welt, abgesehen vom Geld?
Das Leben ist ohne Sinn und jeder Einzelne ist aufgerufen, ihm einen zu geben; aber vor allem müssen die Menschen wissen, wer sie sind. Oft sind wir nur das Ergebnis unserer Erziehung, unserer Umgebung und unserer Zeit. Kurz gesagt, man kennt sich nicht und erträgt sein Leben mehr als dass man es lenkt. Diese Bewusstwerdung erfährt Antoine in einem Zustand größter Wut. Geld ist nur ein vom Menschen erdachtes Konzept, in dem sich seine Ängste und Wünsche ausdrücken. Seine „Freunde“ sind gesellschaftlich erfolgreich und schätzen sich glücklich, aber eigentlich sind sie nur stumpfsinnig. Sie haben nicht den gleichen Weg wie Antoine zurückgelegt.

Sie standen bereits dreimal hinter der Kamera bei Bernie, Le createur und Enfermes dehors. War es schwierig, diesmal bei den Dreharbeiten nur Schauspieler zu sein?
Im Gegenteil, ich tauche immer völlig ab in einer Rolle, je weniger ähnlich sie mir ist, desto besser. Aber ich kann Ihnen verraten, ich arbeite bereits an meinem nächsten Film. MOI a rendez-vous avec MOI, und ich fiebere dem schon entgegen.

Welches war die einprägsamste Szene im Film?
Eine Szene, die Jean beim Schnitt herausgenommen hat. Antoine badet in Irland im zehn Grad kalten Wasser. Wir haben das dreimal wiederholt, nur damit sie danach herausgeschnitten wird. Ein wirkliches Andenken!

Nicht selten bindet Jean Becker seine Schauspieler an sich, mit denen er dreht. Sind sie beim nächsten Abenteuer wieder dabei?
Alles, was er möchte - wenn ich nicht gerade einen Bademeister im hohen Norden spielen muss!

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