SWING
Im Gespräch mit Toni Gatlif
Nach
Vengo, einer Rachegeschichte, treten Sie mit "Swing" ein in
das Universum der Kindheit und der ersten Liebesaufregungen.
Tony Gatlif: Ich wollte ein Kind zeigen, das noch einen ungetrübten
Blick hat, ohne ständige Vernunftbeweise oder Vorurteile, und das
einer Welt gegenüber steht, die es nicht kennt. In meinen Filmen
findet man oft die Idee eines Menschen, der sich an Orte, zu Ethnien oder
in eine Gemeinschaft begibt, die er nicht kennt. In Latcho Drom war die
Kamera wie eine Außenseiterin, die verschiedene Stämme während
einer langen Reise von Indien bis Andalusien entdeckte. In Gadjo Dilo
kam ein "Gadjo" (ein Nicht-Rom) in einem Dorf in Rumänien
an, wo er sich in eine Rom verliebte.
Max entdeckt die Welt der Sinti und Roma, er wird in die Musik und die
Sitten eingeweiht.
T.G.: Max besucht die Sinti und Roma und findet bei ihnen eine
Gitarre. Die Musik ist die Verbindung. Max wird in eine Lebensart eingeweiht,
die sich von seiner sehr unterscheidet. Er kann diese Welt entdecken,
weil er frei von Vorurteilen ist und distanziert zu der Welt seiner Mutter,
die ihr Leben mit ihrem Handy verbringt.
Am Anfang ist Swing ein burschikoses Mädchen, sie entdeckt und behauptet
aber nach und nach ihre Weiblichkeit.
T.G.: Anfangs beobachtet Swing, wie die anderen Sinti-Frauen um
sie herum leben. Sie zieht jedoch ihre Kindheit vor. Es ist ihre Begegnung
mit Max, dem kleinen Gadjo, die sie tatsächlich ihre Weiblichkeit
entdecken und behaupten läßt.
Die Begegnung der beiden Kinder ist die Begegnung zweier Welten, zweier
Erziehungsweisen und zweier Träume ...
T.G.: Es ist die Kultur des Schriftlichen und die des Mündlichen.
Max empfindet das Bedürfnis, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Für
Swing bedeutet Schreiben gar nichts, sie kann noch nicht einmal lesen.
Die Nazis haben teilweise diese Kultur der mündlichen Überlieferung
der Sinti und Roma vernichtet.
Wie haben Sie die jungen Darsteller von Max und Swing gefunden?
T.G.: Ich hatte in einer Tageszeitung inseriert. Oscar lebt in
der Dordogne, er hat genau das niedliche Gesicht, das ich mir für
Max vorgestellt hatte. Lou Rech, die Swing spielt, hat etwas jungenhaftes
und diese ungezähmte Art ... Die Sinti und Roma des Neuhofviertels
hielten sie für eine von ihnen, obwohl sie eine kleine Pariserin
ist! Ich fand, daß die beiden gut zusammenpaßten. Ich ließ
sie improvisieren, aber ohne ihnen genaue Texte zu geben. Für mich
sind in erster Linie Energie und Gestik das Wichtigste. Ich bat sie, sich
in den Augen zu schauen. Pubertierende trauen sich das oft nicht, sie
sind verwirrt und lachen. Mir gefiel wie Oscar und Lou sich in die Augen
sahen. Ich traf meine Wahl aufgrund dieses Blickes.
Sie haben schon vier Filme den Sinti und Roma und ihrer Kultur gewidmet.
T.G.: Ich versuche einfach nur etwas zu vermitteln, das am Verstummen
ist; ich versuche es zu bezeugen.
In diesem Film sieht man, daß, wenn ein Sinti oder Roma stirbt,
sein Besitz verbrannt wird.
T.G.: Die Beziehung der Sinti und Roma zum Tod ist intensiv und
zweideutig. Früher verbrannte man beim Tod eines Sintis seine gesamte
Habe, so daß er nicht zurückkehren konnte. Es blieb keine Spur
seines Lebens übrig. Es wurde auch nie der Name eines Toten genannt.
Die Sinti und Roma hatten bis vor ungefähr 50 Jahren keine Friedhöfe.
Es ist eine uralte Tradition, einige Puristen halten sich immer noch daran.
Sie ist jedoch am Abklingen.
Andalusien inspirierte Vengo, für Gadjo Dilo filmten Sie in einem
Dorf in der Nähe von Bukarest. Diesmal spielt der Film inmitten seßhaft
gewordener französischer Manusch.
T.G.: Wir drehten mitten im Neuhofviertel und der "Cité
des Aviateurs". Es sind besondere Viertel von Straßburg, dort
wohnt Tchavolo Schmitt. Ich hatte große Lust, einen Film mit Tchavolo
Schmitt zu drehen. Tchavolo fasziniert mich, weil er vollkommen desinteressiert
ist. Für die Manuschs ist Tchavolo Schmitt so etwas wie Tomatito
für die Sinti und Roma Andalusiens, der Gitarrist von Cameron de
la Isla. Der eine ist auf der ganzen Welt bekannt, der andere bevorzugt,
in seinem Übergangswohnheim in der Gegend von Straßburg zu
bleiben. Ich habe ihn also in seinem Haus, in seiner Straße, in
seiner Küche gefilmt. Er hat kein Auto und verdient seinen Lebensunterhalt
indem er in Bars spielt.
Wie groß ist diese Manusch-Gemeinschaft, die in Vororten von Straßburg
lebt?
T.G.: Mehr als 1.000 Menschen. Seßhafte Manusch, die seit
mehreren Generationen in Frankreich leben. Sie sprechen Sinti und Roma
mit Elsässisch gemischt. Sie leben in Wohnungen und kleinen Fertighäusern,
in deren Wände man mit dem Finger ein Loch bohren kann. Ihre Musik
ist jazziger, sie hat mehr swing, sie ähnelt Django Reinhardts Musik.
Der Schauspieler Mandino Reinhardt, der die Rolle des Trödelhändlers
in dem Film spielt, ist ein entfernter Cousin von Django.
Sie spielen mit dieser bekannten Gitarre à la Django.
T.G.: Es ist die Selmer-Gitarre, die Django erfunden hat. Sie ist
mit einem im Korpus eingebauten Klangverstärker in Form eines Resonators
versehen. Django hatte sogar eine kleine Fabrik gegründet, um diese
Gitarre bauen zu lassen.
In einer anrührenden Szene zeigt Miraldo dem jungen Max alte Familienfotos,
die aus den Zeiten der Wohnwagen stammen. Er weiß, er wird nie mehr
auf die Reise gehen ...
T.G.: Er sagt zwar: "Eines Tages werde ich gehen", aber
er weiß, daß es an diesem Tag die allerletzte Reise sein wird
...
Swing ist nie gereist, während Max mit seiner Mutter schon die ganze
Welt gesehen hat ...
T.G.: Während Swing und ihr reisendes Volk des Reisens in
Sozialwohnungen haften bleibt.
Was Flamenco anbelangt, haben Sie gesagt: "Es ist keine hübsche
Musik, es ist eine Musik der Gewalt, des Leidens und der Kraft. Wie würden
Sie den Manusch-Swing beschreiben?
T.G.: Der Swing Manusch ist eine schwebende Musik, eine Musik der
Weite: Tchavolos Hand, die auf dem Gitarrenarm auf und ab läuft,
ist wie ein Vogel, der sich erhebt. Diese Musik, die mit Leiden und Wut
gefüllt sein sollte, ist von mitteilsamer Freude. Man findet in ihr
Sehnsucht, aber keine Ernsthaftigkeit. Es ist keine hübsche Musik,
aber sie ist schön, fröhlich und frei, wie die kleine Swing
auch. Sie ist arrogant, sie traut sich von einer Note zur anderen und
den Rhythmus zu wechseln. Es ist eine Musik, die vom Herzen und von den
Ohren kommt, sie traut sich zu Noten, die sich ein ausgebildeter Musiker
nicht ausdenken könnte. Tchavolo ist der Erbe von Django Reinhardt,
der Erbe seiner Musik. Er besitzt diese Freiheit, diese Arroganz des "Nichtwissens".
Erzählen Sie uns von Tchavolos Kameraden.
T.G.: Ben Zimet, der den Arzt spielt, ist ein bekannter jiddischer
Sänger aus Paris. In ihm herrscht eine Mischung aus Freude und großer
Trauer. Tchavolo hört diese 78er Platte, ein Klezmer-Lied, sehr alte
jiddische Musik. Als ich nach Budapest reiste, um dort die Sängerin
Mitzu zu treffen, die am Ende des Films singt, bin ich zufällig auf
einen alten Plattenverkäufer gestoßen. So habe ich auch dieses
Lied "Romania" entdeckt. Ich habe die Sängerin Katia, der
Budapest Klezmer Band wiedergefunden und sie mit ihrer Band zu den Dreharbeiten
geholt.
Abdellatif Chaarani, der Oud und Derbuka spielt, stammt aus Casablanca,
lebt aber in Straßburg. Ich mag ihn sehr, er ist einer ohne Wurzeln,
ein Mensch des Exils. Er ist auch einer von denen, die die Musik in den
Fingerspitzen haben. Seine Musik ist seine Seele. Ein Immigrant fühlt
sich nie zu Hause. Wenn er aber Musiker ist, hat er das Glück einige
seiner Wurzeln im Gepäck mitnehmen zu können. Er spielt auf
seinem Instrument und schon nach wenigen Noten ist er wieder zu sich und
in sein Land zurückgekehrt.
Wie groß ist der Einfluß der Musik auf die Inszenierung?
T.G.: Die Musik ist die Freiheit, die mir den Atem gibt, meine
Filme zu machen, dieses Atmen, in die Welt zu gehen und Anderen zu begegnen.
Dieser Film hätte nicht ohne Musik entstehen können. Sie symbolisiert
die Freiheit eines Kindes wie Swing. Max geht zu den Sinti und Roma, um
diesen Musikstil zu entdecken, der seiner Kultur so fremd ist. Die Musik
gibt dem ganzen Film seinen Rhythmus. Wir haben drei Monate lang mit Tchavolo
und Mandino an einer Adaption der "Schwarzen Augen" gearbeitet,
indem wir Manusch, arabische und jiddische Einflüsse gemischt haben.
Wie haben Sie die Musiksequenzen gedreht? Man hat den Eindruck, im Wohnwagen
selbst und von den Musikern und den Tänzerinnen umgeben zu sein.
Haben Sie improvisiert?
T.G.: Im Gegenteil: Der Wohnwagen war so eng, daß wir uns
sorgfältig vorbereiten mußten. Wir haben jede Kamerabewegung
präzise festgelegt, um im richtigen Moment im Rhythmus und mit der
richtigen Brennweite auf jedem der Musiker zu sein. Als ich dem Tonmeister
Régis Leroux und dem Kameramann Claude Garnier erklärte, daß
wir 20 Musiker in einem Wohnwagen filmen würden, hat mich Claude
gefragt: "Und wo soll die Kamera stehen?" Ich antwortete: "Überall."
Sie haben also mehrere Kameras verwendet.
T.G.: Die ganze Sequenz ist mit zwei Kameras gedreht worden, die
genau aufeinander abgestimmt sein mußten. Aufgrund der Enge bestand
ständig die Gefahr, die zweite Kamera sei im Bild. Wir haben die
Kamerabewegungen wie für ein Ballett choregraphiert. Man mußte
präzise der Musik folgen, vom Gitarrensolo zum Kontrabaß übergehen,
um anschließend wieder zu dem Geigenspieler zurückzukommen
oder auf die Klarinette - und dies im Sekundentakt! Jeder der Musiker
hatte drei Mikros: eines für die Saite, ein zweites für den
Resonanzkörper, ein drittes für den Hall ... Die Szene dauert
6 Minuten, es wäre unmöglich gewesen sie play-back zu drehen.
Sie filmen die Lebensfreude der Feier, aber sie widmen eine Sequenz dem
Völkermord an den Sinti und Roma.
T.G.: Das ist ein schwieriges Thema. Die wenigen Sinti und Roma,
die überlebt haben, zögern oder vermeiden noch darüber
zu sprechen. Ich habe eine Frau gesucht, die einverstanden war, über
ihre Deportation zu sprechen und habe Hélène Mershtein gefunden.
Diese Szene der Großmutter ist ähnlich einem Dokumentarfilm
gedreht.
T.G.: Ich habe jeden Ansatz einer Inszenierung in dieser Sequenz
vermieden. Die Kamera stand einfach da und ich ließ Hélène
Mershtein absolute Freiheit, ihre Geschichte zu erzählen. Sie wurde
mit ihrer Familie verschleppt; sie mußten alles am Straßenrand
lassen: die Wohnwagen, die Tiere, das brennende Feuer ... Es sind etwa
500.000 Sinti und Roma während der Deportation umgekommen! Nur wenige
alte Menschen kamen zurück. Seither werden die Traditionen nicht
weitergegeben. Seit dem Holocaust sind die Sinti und Roma nicht mehr wie
sie einmal waren. Sie haben ihre Lebensweise geändert und folgen
den gesellschaftlichen Entwicklungen. Ihre Musik ist subversiv. Man kann
sie nicht nach Noten lernen, sondern nur mit dem Herzen und dem Ohr.
Diese Gemeinschaftsmusik, der Jazz Manusch hat auf der ganzen Welt einen
großen Einfluß.
T.G.: Diese Ethnie wird einerseits verachtet, andererseits bewundert.
Ich wollte durch den Jazz Manusch ihre Schwierigkeiten verdeutlichen.
Am Ende des Films gibt es keine Musik mehr. Nach Max Abreise, geht Swing
in das Hochhaus ihrer Siedlung und macht die Tür zu. Der ganze Film
wollte diese soziale Wirklichkeit schildern.
Wer ist der Erbe Django Reinhardts seit sein Sohn Babik gestorben ist?
T.G.: Babik war ein wirklicher Bruder. Wir hatten geplant, gemeinsam
einen Film über Django Reinhardt zu machen. Es gibt natürlich
Tchavolo und Dorado Schmitt, der auch ein großartiger Musiker ist.
Bireli Lagrene hat ein großes Publikum, aber es gibt auch Mandino
Reinhardt, Moreno, Christian Escoudé, Boulou Ferré und viele
andere ... Es gibt auch immer mehr junge Musiker, die sich für den
Jazz Manusch interessieren. Ich habe Max gefilmt und dabei an Thomas Dutronc
gedacht, der Sohn von Jacques, der ein vielversprechender Gitarrist ist,
der diesen Musikstil leidenschaftlich mag. Er besucht regelmäßig
Tchavolo in seinem Viertel, um mit ihm Musik zu spielen. In 20 Jahren
wird Max genauso wie Thomas Dutronc diese Musik weitergeben können.
Es gibt viele Luftaufnahmen in dem Film.
T.G.: Als ich vor Anfang der Dreharbeiten diese Musik hörte,
fühlte sie sich für mich so schwebend an, daß ich Lust
bekam, einen Film mit dem vorherrschenden Motiv des sich in die Lüfte
Erhebens zu machen, also mit Luftaufnahmen. Die Sinti und Roma haben eine
starke Beziehung zum Religiösen - im Wohnwagen oder zu Hause gibt
es immer eine Heilige Maria -, zum Jenseits, zu den Sternen und zur Natur.
Wie würden Sie ihren Film zusammenfassen?
T.G.: Es könnte die Geschichte eines kleinen Jungen sein,
der in eine Wasserpfütze fällt, und seine Mutter fragt ihn am
Ende des Films: "Warum bist Du naß?"
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