SERAPHINE

Regisseur Martin Provost

FILMOGRAPHIE:

SPIELFILME
2008 SÉRAPHINE
2003 LE VENTRE DE JULIETTE
1997 TORTILLA Y CINEMA

KURZFILME
1992 COCON
1990 J’AI PEUR DU NOIR

ROMANE
2008 LEGER, HUMAIN, PARDONNABLE (Le Seuil)
1992 AIME-MOI VITE (Flammarion)


Interview mit Martin Provost, Regie

Wie kam es zu Ihrer ersten Begegnung mit Séraphine Louis?

Eine Freundin von mir – sie ist Produzentin bei France Culture – sagte mir einmal in etwas geheimnisvollem Tonfall: „Martin, du solltest dich mal mit Séraphine Louis befassen…” Da ich diese nicht kannte, wusste ich nicht, worauf sie hinaus wollte, aber sie fügte hinzu: “Mach mal, du wirst schon sehen, warum.” Im Internet fand ich nur sehr wenige Informationen, ein paar biografische Details, verwirrende Bilder. Gerade mal genug, um meine Neugier zu wecken. So fand ich Zugang zu der eigentümlichen Welt von Séraphine. Schnell wurde mir klar, dass dies ein sehr starker, packender Kinostoff war... Dieser erste Eindruck verstärkte sich noch, wurde sogar zur fixen Idee, denn ich las alles, was es gab, vor allem den Aufsatz, den die Psychoanalytikerin Françoise Cloarec über Séraphine geschrieben hat. Sie war mit Anne-Marie Uhde bekannt (der Schwester von Séraphines Entdecker Wilhelm Uhde), von der sie Briefe und viele andere Dokumente besitzt. Ihre Arbeit war meine Hauptquelle.


Für die Entstehung Ihres Films war auch die Begegnung mit Yolande Moreau von entscheidender Bedeutung.

Ja, die Begegnung mit Yolande war wirklich maßgeblich. Ohne sie hätte ich den Film nie gemacht. Noch lange vor der Produzentensuche stand sie mir beim Schreiben des Drehbuchs zur Seite. Zufällig leben wir beide auf dem Lande, drei Kilometer voneinander entfernt. Wir sind uns also sehr schnell begegnet. Ich habe ihr Séraphines Geschichte erzählt, und sie hat sofort zugesagt. Ohne Umschweife. Später stieß ich in der Bibliothek Kandinsky auf das einzige bekannte Porträt von Séraphine, die Kreidezeichnung eines Nachbarn. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Das war Yolande Moreau. Als ich ihr das Porträt zeigte, verschlug es ihr zunächst die Sprache, dann sagte sie: „Nicht gerade schmeichelhaft, aber das bin tatsächlich ich!“ Wir haben viel über Séraphine gesprochen, darüber was sie durchgemacht hat, über ihre Kindheit... Beim Drehen geschah dann eine Art Wunder, eine wahrhafte Begegnung zwischen Figur und Schauspielerin. Yolande spielt nicht, sie verkörpert Séraphine. Im Laufe des Films gelingt es ihr, das Bild poetisch aufzuladen, was angesichts ihrer steten Zurückhaltung umso intensiver und kostbarer wirkt. Unsere Arbeit bestand ja genau in dieser Gratwanderung, es sich nicht zu einfach zu machen und in Gefühligkeit und Hysterie zu verfallen, wie es oft geschieht, wenn Wahnsinn im Film dargestellt wird. Also eher streichen als hinzufügen und von Anfang an unserer gemeinsamen Vision der Figur treu bleiben: ihrem anspruchsvollen Werdegang, ihren Schwächen, ihrem Mut, kurz, allem was uns an Séraphine beeindruckt und bewegt hat.


Nach diesen beiden Begegnungen haben Sie das Drehbuch geschrieben. Auch das ist die Geschichte einer weiteren Begegnung...

Wenn man über eine wirkliche Person schreibt, besteht die Gefahr, dass man im Anekdotischen haften bleibt, im Illustrativen, und dass man genau das, was ihr Geheimnis ausmacht, verfehlt: ihre Menschlichkeit, ihre Widersprüche, ihr Innenleben. Das ist ein sehr heikles Unterfangen. Ein Drehbuch ist kein eigenständiges Werk. Aber es muss eine ausreichend angenehme Lektüre sein, wenn man damit Produzenten und eine Finanzierung finden will. Es ist eine Art Rückgrat, ein Werkzeug. Nachdem ich möglichst viele Informationen über Séraphines Leben gesammelt hatte, war ich begierig, mich an die Arbeit zu machen, aber auch voller Sorge... Doch bald spürte ich, dass ich in Séraphine eine Verbündete gefunden hatte, die mir Zugang in ihre Welt verschaffte: eine bittere, verwirrende Welt, die sich mit dem Unsichtbaren auseinandersetzte. Es war, als begäbe ich mich mit ihr zusammen auf eine Reise. Zusammen mit Marc Abdelnour, der am Drehbuch mitgearbeitet hat, stellte ich mir von Anfang an die Aufgabe, Séraphines Leben nicht als eine Abfolge von starken Momenten zu „erzählen“. Es interessierte mich viel mehr, die Erzählung an kleinen Nichtigkeiten entlang zu spinnen, an dem, was sich außerhalb des Bildes ereignet, was abwesend ist, und so kleine Rätsel zu schaffen. Desweiteren wollte ich mich beim Drehbuchschreiben vor allem auf die so überraschende, zwiespältige und keusche Beziehung konzentrieren, die Séraphine über mehr als 20 Jahre, und für die Nachwelt, mit Wilhelm Uhde verbunden hatte. Die unwahrscheinliche Begegnung zweier Außenseiter.
Wider Erwarten sollte sie für beide von entscheidender Bedeutung sein. Séraphine lebt am Rande der Welt, und Uhde, der homosexuelle Ausländer, sieht sie als erster, wie sie wirklich ist, ohne Vorurteile. Er ist ihr Entdecker, ihr Mentor, Freund, Händler und nach meinem Gefühl auch fast ihr Verlobter... Es ist interessant, wie er in ihrem Leben auftaucht und verschwindet, immer im richtigen Moment, wie der Bote in einer antiken Tragödie. Er ist zu Séraphines Lebzeiten an vielen Dingen grundlegend beteiligt, und danach wird er seine Erinnerungen an die Öffentlichkeit bringen und 1945 als Erster eine Einzelausstellung ihrer Werke organisieren, der weitere auf der ganzen Welt folgen werden.


Kommen wir noch mal auf den Ursprung Ihres Interesses an Séraphine zurück. Was hat Sie an ihr berührt? Ihre Persönlichkeit? Ihr persönliches, spontanes, nicht-akademisches Gespür für die „naive“ Malerei?

Ich habe früher selbst sehr viel gemalt, ohne spezielle Ausbildung; ich weiß noch, wie ich eines Tages nach Stunden der Konzentration und verbissener Arbeit von einer irrationalen Angst und einem Gefühl großer Einsamkeit befallen wurde. Seither habe ich keinen Pinsel mehr angerührt. Es klingt vielleicht komisch, aber was mich zu Séraphine geführt hat, ist eine Seelenverwandtschaft, eine Bewunderung, auch eine Art Neugier, die ich schon immer für alles verspürt habe, was in der Größenordnung der reinen Schöpfungskraft, des schöpferischen Feuers liegt. Manche mögen das „naive“ Kunst nennen, andere „Art brut“, aber mir geht es nicht um Kategorien. Zu allen Zeiten waren es oft ungebildetete Menschen, die nicht in einem begünstigten, kulturnahen Umfeld aufgewachsen sind und doch eine unerhörte, nicht zu unterdrückende und manchmal auch verstörende Schöpfungskraft besitzen. Diese Künstler schürfen in der Tiefe, außerhalb künstlerischer Entwicklungen und Umstürze, ohne Meister und Schüler, und sie erfahren nicht immer die Anerkennung, die ihnen gebührt.
Séraphine ist eine Visionärin im wahrsten Wortsinn. Sie ließ sich von etwas tragen, das stärker war als sie selbst, das sie nicht unter Kontrolle hatte, auch auf die Gefahr hin, sich selbst zu zerstören. Das berührt mich zutiefst.


Ihr Film offenbart die quasi-mystische Dimension von Séraphines Arbeit. Sie scheint zu malen, als ginge es um ihr Leben, als führe sie einen religiösen Ritus aus. Der Akt des Malens wird einem nie geschenkt...

Manchen schon! Und das ist auch gut so. Aber in Séraphines Welt ist Malen genau so lebensnotwendig wie Essen oder Trinken, vielleicht sogar mehr als das, denn nach Wilhelm Uhdes Abreise verweigerte sie sich auch dem geringsten materiellen Komfort, auf den sie Anspruch gehabt hätte, um sich mit Leib und Seele der Malerei zu widmen.
Picasso hat gesagt: „Wenn ich nicht male, werde ich krank, ich sterbe.”
Séraphine ist genauso. Durch die Malerei bewahrt sie sich in ihrem Inneren etwas Lebenswichtiges. Sie ist für sie überlebensnotwendig, sie kann nicht aufhören damit, sie kann nicht anders, als kreativ zu sein. In diesem Zusammenhang ist das Ritual tatsächlich von großer Bedeutung, und ich habe darauf geachtet, es möglichst oft in den Vordergrund zu rücken: All die Rituale, ob religiös oder nicht, die Séraphines Leben strukturierten und die man für Exzentritäten halten könnte, dienten letztlich einer Lebensdisziplin. So wollte ich das darstellen. Wilhelm Uhde, der alles andere als eine Betschwester war, nannte Séraphine eine Heilige, und ich glaube es ihm. Séraphine hatte durch ihre Arbeit und durch die ihr eigene Art des passiven Aufbegehrens eine Art Heiligkeit erlangt, die sich in ihrer Malerei ausdrückt.


Ende der 1920er Jahre hatte Séraphine einen gewissen Bekanntsheitsgrad erreicht. Und dann, beim Aufkommen von Wirtschaftskrise und persönlicher Krise, lässt Uhde sie praktisch im Stich. Nachdem er alles gegeben hat, scheint er sich nicht mehr für sie zu interessieren?

Das ist die dunkle Seite der Figur. Ich wollte ihr nicht ausweichen. Doch meiner Ansicht nach war es im Film interessanter, für dieses seltsame Verhalten auch keine Erklärung zu liefern. Der Zuschauer soll sich seinen eigenen Reim darauf machen. Séraphines Ende in der psychiatrischen Klinik von Clermont-de-l'Oise während des Zweiten Weltkriegs war ziemlich erbärmlich. Das ist sehr beunruhigend. Uhde behauptet in seiner Autobiografie, sie sei 1934 gestorben, dabei hat sie noch weitere acht Jahre gelebt, bis 1942.
Lüge oder Unwissenheit, da waren einige Fragen offen. Übrigens hat Wilhelm Uhde bereits nach dem Krieg von 1914 und seiner Rückkehr nach Frankreich, wo er sich mit seiner Schwester niederließ, nicht einmal versucht, Séraphine wiederzusehen, obwohl er nur zehn Kilometer von Senlis entfernt wohnte! In einer Sequenz lasse ich ihn seine Überzeugung kundtun, dass Séraphine tot sei, aber Ulrich Tukur (der die Rolle des Wilhelm spielt) und ich achteten darauf, dass die Figur selbst nicht recht daran glaubt. Diese Zwiespältigkeit bewahrt die Komplexität der Figur. Trotz seiner Integrität und seiner moralischen Stärke, die er sein Leben lang bewiesen hat, wird er von Schuldgefühlen geplagt und von einer gewissen Ohnmacht, vielleicht sogar Feigheit; das ist eine sehr wichtige Dimension der Figur und ihrer Beziehung zu Séraphine und den Dingen. Uhde hatte seine inneren Dämonen. Sie sind während des gesamten Films spürbar.
Es war nicht meine Absicht, ihm die Rolle des treuen Mäzens zuzuteilen, des Wohltäters und Komplizen, einer simplen Schablone. Wilhelms Schattenseiten waren für mich wesentlich, um das Paar, das er und Séraphine auf der Leinwand bilden, ins Gleichgewicht zu rücken, so dass seine Figur nicht von ihr erdrückt werden würde.


Ihre Inszenierung beweist großen Respekt vor den Figuren, sie ist nie demonstrativ...

Diese Einfachheit erfordert viel Arbeit, eine stete Aufmerksamkeit für alle Einzelheiten während jeder Herstellungsphase des Films.
Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich diesen Film nüchtern und streng inszenieren musste, mit einer gewissen Zurückhaltung, was das Bild von Séraphine angeht, so dass der Zuschauer sich frei mit ihr bewegen kann.
Meine Aufgabe war es, den Figuren zu „dienen“ und Séraphine den ihr gebührenden Platz einzuräumen. Das war nicht immer leicht. Ich habe mich mit Mitarbeitern umgeben, die mir dafür das Talent zu haben schienen.
Ob Kostüme, Ausstattung oder Licht, stets haben wir darauf geachtet, eine gewisse „Zurückhaltung“ zu üben. Es herrschte ein allgemeiner Wille zur Strenge und zur Diskretion. So wenige Effekte wie möglich. Ich war z.B. sehr anspruchsvoll bei der Wahl der Farben: keine warmen Farben außer in Séraphines Bildern, weder bei der Ausstattung noch beim Kostüm. Grün, Blau, Schwarz, kein Weiß. Kaum Kamerabewegungen, den Schauspielern nicht zu nahe kommen, sie nicht zu hell beleuchten, keine unnötigen Schnitte...
Michel Saint-Jean, der Verleiher von SÉRAPHINE, hat mir bei der ersten Vorführung des Films übrigens das schönste aller Komplimente gemacht. Er sagte: „Das ist ein bescheidener Film.“ Dieser Satz hat für mich große Bedeutung.


Der Film hat ein Nachspiel. Über 60 Jahre nach der von Uhde in der Galerie de France organisierten Ausstellung wird es in Paris wieder eine Einzelausstellung von Séraphine geben…

Séraphine wird mit dem Film wieder lebendig. Zu ihren Lebzeiten hatte sie nie die Einzelausstellung, die sie sich so sehr erhofft hatte.
Für mich war es Ehrensache, sie wieder in Paris ausgestellt zu sehen. Dank Dina Vierny und ihrem Sohn Olivier Lorquin wird die Ausstellung im Musée Maillol stattfinden.
Nach ihrem Tod hat Dina Vierny Uhdes Sammlung von seiner Schwester Anne-Marie erworben, was dieser ihr Überleben sicherte und dem Musée Maillol erlaubte, zahlreiche Werke zu erstehen.
Außerdem gab es im Musée d’Art Moderne einen Wilhelm Uhde-Raum mit einigen sehr schönen Bildern von Séraphine. Dieser Raum wurde im Musée de Senlis rekonstruiert. Die Gemälde werden alle in der Ausstellung zu sehen sein. Leider wurden sehr viele von Séraphines Bildern zerstört. Damals hielten sie viele Menschen für wertlos. Ich hoffe, dass Séraphines Werk nun über Fachkreise hinaus einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden wird.


Welche „Botschaft“ vermitteln uns ihrer Meinung nach Leben und Werk von Séraphine?

Sie war vor allem eine freie Frau. Das mag widersprüchlich erscheinen, da sie drei Viertel ihres Lebens alleine, in Keuschheit und einem Zustand großer physischer und psychischer Not verbracht hat und am Ende in ein Irrenhaus eingewiesen wurde! Séraphine war eine einfache Putzfrau – schlimmer noch ein Mädchen für alles –, die heimlich ungewöhnliche Dinge malte und über die sich alle lustig machten. Sie stand damals auf der sozialen Leiter ganz unten. Aber es war ihr egal. Nichts konnte sie aufhalten. Sie behauptete gegen alle Widerstände ihre Autonomie, im Verborgenen ihres kleinen Zimmers blühte ihr Innenleben, auch wenn sie dafür die undankbarsten Arbeiten annehmen musste. Sie musste sehr teuer dafür bezahlen, als sie Anfang der 1930er Jahre ihr Pulver verschossen hatte. Sie suchte Zuflucht im Wahnsinn.
Während der zu kurzen Jahre ihrer künstlerischen Blüte und des relativen Wohlstands Ende der Zwanziger Jahre war Séraphine von ihrer ruhmreichen Zukunft überzeugt! So gesehen war für mich ihr Schritt die reine Poesie: Sie verharrte in der Welt der Kindheit, der Wunder...
Es gelang ihr, mit fast nichts ihrem Leben einen Sinn zu geben, ihm trotz aller Schwierigkeiten, trotz des gesellschaftlichen Drucks und der täglichen Erniedrigungen einen langen Atem einzuhauchen. Und sie hat Spuren hinterlassen, was ziemlich ungewöhnlich ist. Stellen Sie sich Séraphine heute vor. Man würde ihr Anti-Depressiva verpassen, und sie würde vorm Fernseher hocken, anstatt zu malen!