SECRETARY
Interview mit dem Regisseur Steven Shainberg
Wie kam es zu diesem Projekt?
Shainberg: Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Mary Gaitskill.
"Secretary" gehört zu einer Sammlung von Kurzgeschichten,
die unter dem Titel "Bad Behaviour" (Schlechtes Benehmen) vor
gut zehn Jahren in den USA erschienen ist. Ich las damals die Geschichte
und liebte sie. Während meiner Studienzeit drehte ich auf der Grundlage
dieser Geschichte einen Kurzfilm von gut 20 Minuten. Obwohl der Film mit
geringen finanziellen Mitteln und sehr schnell realisiert worden war,
interessierte- man sich in Hollywood dafür. Wenn ich in den darauf
folgenden Gesprächen allerdings erklärte, dass die Geschichte
nicht auf der Idee basiert, dass die Hauptdarstellerin Lee Holloway ein
persönliches Problem überwindet oder gar im herkömmlichen
Sinne davon geheilt wird, sondern in Mr. Greys Büro etwas ganz Wunderbares
und Schönes entdeckt, hielten mich die Leute für verrückt.
Unter diesem Aspekt wollte sich niemand an die Geschichte heranwagen oder
sie weiterentwickeln. Also legte ich die Idee erst einmal für mehrere
Jahre beiseite. Dann suchte ich nach einem Projekt, an dem ich mit einer
New Yorker Freundin, der Drehbuchautorin Erin Wilson, arbeiten konnte.
Nach mehreren Fehlschlägen entschieden wir, es mit "Secretary"
zu versuchen. Für die Vorbereitung schaute ich mir einige Filme an,
u.a. "Sweetie" von Jane Campion und viele Filme von Mike Leigh.
Dabei wurde mir klar, wie ich die Geschichte so umsetzen konnte, dass
der Dreh nicht zu teuer und die Umsetzung so gestaltet sein würde,
dass Entscheidungsträger den Film vertreten konnten. Im Anschluss
arbeiteten Erin und ich ein Jahr am Drehbuch und ich machte mich auf die
Suche nach Produzenten und Geldgebern.
Warum klappte es dann Ihrer Meinung nach mit der Finanzierung beim
zweiten Anlauf?
Shainberg: Weil ich nicht in Hollywood suchte. Vor gut sieben Jahren
entschied ich mich, von Los Angeles zurück nach New York zu ziehen.
Eines Tages saß ich in LA im Auto und fuhr zu einem Meeting. So
etwas wie ein Geist setzte sich auf den Beifahrersitz und sagte: "Es
ist Zeit, von hier zu verschwinden - jetzt." Ich fuhr vom Highway
ab und nach Hause und reservierte einen Flug nach New York. Alles in allem
habe ich dann jeden aus meinem Leben gefeuert - meinen Agenten, meinen
Anwalt, meinen Manager, sogar meine Freundin. Dies war der Beginn einer
Serie von Dingen, die dazu führten, dass mit diesem Film alles klappte.
Grundsätzlich interessieren sich unabhängige New Yorker Produzenten
mehr für Stoffe wie SECRETARY als irgendwer in Los Angeles. Dennoch
hatte ich Glück, Andrew Fierberg und Amy Hobby als Produzenten zu
finden. Sie hatten den Film "Sunday" von Jonathan Nossiter produziert,
den ich sehr mochte. Zusammen mit einem Empfehlungsschreiben eines Freundes
brachte ich ihnen das Drehbuch. Ihre erste Reaktion war: "Das ist
jetzt kein Softporno, oder?" Sie können sich nicht vorstellen,
wie viele Menschen, Produzenten, Schauspieler, Financiers auf diese Weise
reagierten. Die Schwierigkeit bestand darin, potentiellen Partnern verständlich
zu machen, dass dieser Film nicht nur intime Sexszenen ungewöhnlicher
Vorlieben zu bieten hätte. Er würde ebenfalls lustig und unschuldig
sein, dazu einige dunkle und schwermütige Szenen haben, aber vor
allem sollte die Geschichte mit einem subtilen Sinn für Humor umgesetzt
werden. Mir hat bei diesem Film am meisten Spaß gemacht, dass all
diese Aspekte ineinander griffen, manchmal parallel zueinander liefen
und manchmal abwechselnd, so dass das Publikum immer wieder mitgerissen
werden konnte. Ein weiterer, ganz großer Gewinn für den Film
war, dass wir Maggie Gyllenhaal gefunden haben.
Wie
kamen Sie zu Maggie und Maggie zu diesem Film?
Shainberg: Wie bei allen unabhängigen Produktionen sucht man als
erstes einen Schauspielernamen, der die Finanzierung rechtfertigt. Wir
haben an alle gedacht, doch während wir die A-Liste durchgingen,
sagte ich zu dem Casting-Agenten: "Wir glauben an diesen Film als
eine Chance, aber die in der realen Welt da draußen werden vor ihm
Angst haben - lass' uns lieber nach anderen Schauspielern umschauen."
Und ich schaute mir 60 Schauspieler an. Als erste kam Maggie zum Vorsprechen.
Nummer 1. Und nachdem sie gegangen war, rief ich Andrew Fierberg an und
sagte: "Ich weiß, wir haben noch nie zusammengearbeitet und
Sie werden mich für verrückt halten, aber ich habe unser Mädchen
gefunden." Ich bin mir sicher, dass er dachte: "Um Gottes Willen,
hier bricht der Enthusiasmus aus, weil er zum ersten Mal den Drehbuchtext
laut zu hören kriegt." Während wir in den darauffolgenden
drei Monaten weiterhin Schauspieler vorsprechen ließen, kam Maggie
noch zwei Mal und mit jedem Mal wurde sie besser. Und James Spader war
grandios. Nachdem wir ihn für den Film gewinnen konnten, zeigte ich
ihm unsere Casting-Aufnahmen von Maggie und sagte: "Das ist das Mädchen,
das ich gerne hätte. Würden Sie mit ihr zurecht kommen?"
Er schaute sich das Tape an und sagte: "Absolut."
Hatte Maggie irgendwelche Vorbehalte, diese Rolle zu spielen?
Shainberg: Ihre Vorbehalte waren ganz anderer Natur, als man es geglaubt
hätte. Manchmal hört man ja über Schauspieler, sie seien
furchtlos. Maggie ist es wahrhaftig.
Wie hat sich der Film im Laufe der Produktion entwickelt?
Shainberg: Mit dem Dreh beginnt auch der Schnitt und sehr schnell sieht
man, was passiert. Wir stellten fest, dass das Herzstück des Filmes
ganz klar die Beziehung zwischen Maggie und James war und dass alles,
was sich außerhalb des Büros abspielt, relativ nebensächlich
wurde. Das Umfeld musste nicht allzu detailliert wiedergegeben werden.
Das fanden wir während des Drehens heraus. So gab es im Drehbuch
durchaus mehr Details, z.B. eine lesbische Figur, die ähnlich wie
Jeremy Davies als Peter eine Art Alternative im Leben hätte darstellen
können. Aber diese Figur wurde vollkommen überflüssig.
Ähnlich erging es uns mit der Außenwelt, die immer schmaler
und schmaler wurde, weil sie für den Film unerheblich war. Wir schauten
uns nach jedem Dreh, dann im Schneideraum jede Szene an, manchmal sogar
jede Sequenz. Wir achteten darauf, was uns der Film erzählte und
dabei wurde klar, dass man als Zuschauer immer wieder schnell in Mr. Greys
Büro zurück möchte.
Was war für Sie so faszinierend an dieser Kurzgeschichte, dass
Sie so lange für die Möglichkeit ihrer Realisierung kämpften?
Shainberg: In dieser Geschichte stehen Sex, Liebe und Macht in einem
sehr interessanten Spannungsverhältnis. Ich wollte eine Liebesgeschichte
drehen, die sich mit diesen Fragen, den Möglichkeiten und auch Problemen
beschäftigt. Ich wollte sie aber keineswegs unheimlich oder gar dunkel,
sondern in einer Weise drehen, die dieser Liebe eine Leichtigkeit und
eine Schönheit gibt. Ich persönlich finde ja nicht, dass an
dieser Geschichte irgend etwas seltsam ist, oder an dem, was die beiden
machen. Das, was sie tun, ist im metaphorischen Sinne so viel größer
und intensiver, als die Art und Weise, wie die meisten Liebesbeziehungen
funktionieren. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass jede Beziehung
etwas von SECRETARY hat. Es gibt immer Hochs und Tiefs, radikale Veränderungen
und schleichenden Wandel und immer ist in gewisser Weise auch Manipulation
im Spiel. Das Problem der meisten Liebesgeschichten ist, dass sie viel
zu simpel gestrickt sind. Mary Gaitskills Autorenstimme in der Geschichte
erschien mir, aus welchem instinktiven Grund auch immer, sehr familiär
zu sein. Und das, obwohl sie aus dem Blickwinkel einer jungen Frau schrieb,
die nun in der Kurzgeschichte wirklich sehr, sehr seltsam und wesentlich
gestörter auftritt als in meinem Film. Aber die Geschichte hallte
in mir wieder, zog mich an, instinktiv.
Meinen Sie also, dass die Geschichte dieses besonderen Paares als
Metapher für alle Liebesbeziehungen funktioniert?
Shainberg: Ja, auf jeden Fall. Mr. Grey und Lee sind zwei sehr eigensinnige
Personen, die sich durch ihre besonderen Neigungen gefunden haben. Auf
der anderen Seite denke ich, dass die Art, wie Macht zwischen ihnen funktioniert
und wie diese Macht Erotik zwischen ihnen entstehen lässt, für
viele Menschen nichts unbekanntes ist - egal, ob sie nun diese Neigungen
haben oder nicht.
Der Film, der mich dazu brachte, selbst Filme drehen zu wollen, war "Blue
Velvet". Man liest immer wieder von Regisseuren, die sagen, ich sah
Antonioni oder ich liebte die Filme von Truffaut. Mir geht es auch so,
aber "Blue Velvet" hat mich umgehauen. Ich erinnere mich auch
an einen Artikel, in dem David Lynch nach der Generalisierung seiner Figuren
gefragt wurde und er in seiner Antwort sehr hartnäckig betonte: "Nein,
nein, nein, dies ist ein Film über DIESE zwei Personen." Für
mich war das eine sehr lehrreiche Antwort. Keiner macht Filme über
"Männer" und "Frauen". Im Film geht es immer
um diesen einen Mann und diese eine Frau, und wenn man sie richtig positioniert,
stellt sich ganz automatisch eine Verbindung, eine Beziehung zu vielen
anderen Menschen her. Ich wollte herausfinden, "wer ist Lee"
und "wer ist Mr. Grey" und habe gar nicht versucht, ein allgemeingültiges
Statement zuwege zu bringen.
Wie haben die Zuschauer auf ihren Film reagiert?
Shainberg: Mit Überraschung und Verwunderung. Einige Leute waren
schockiert, vor allem ältere Menschen. Ich bin davon ausgegangen,
dass - durch den Blickwinkel des Filmes und Maggies Schauspiel - jüngere
Frauen sehr stark auf diesen Film reagieren würden. Beim Sundance
Film Festival traf das tatsächlich zu, fast schon in so starkem Maße,
dass es einen selbst schockierte. Ich denke, das hat vor allem damit zu
tun, dass es um eine junge Frau geht, die ganz besondere Bedürfnisse
hat und vor ihnen nicht zurückschreckt. Im Gegenteil, sie beginnt
nicht nur, sich selbst zu akzeptieren, sie blüht regelrecht auf.
Es gibt eine ganz besondere Schönheit in der Art wie Maggie Gyllenhaal
die Liebe entdeckt. Der Film ist sowohl sehr erotisch als auch überaus
romantisch.
Und Männer?
Shainberg: Eine interessante Sache ist, dass sich offensichtlich ältere
Männer von diesem Film bedroht fühlen. Was auf der anderen Seite
Sinn macht - die kraftvolle, mächtige männliche Figur entpuppt
sich als verletzlich und zaghaft und ich denke, das lässt Männer
schon mal über ihre traditionell dominante Rolle nachdenken .
Und
obwohl Mr. Grey den sadistischen Part übernimmt, wirkt er nie unheimlich.
Shainberg: Das ist richtig, Mr. Grey ist nie unheimlich oder Angst einflössend,
im Gegenteil er selbst hat Angst. Er hat Angst vor der Liebe und ich denke,
vielen Männern geht es so. Mr. Grey hasst sich selbst, für das,
was er will und was er braucht und er ist in diesem Film - so ironisch
das klingt - der einzige, der glaubt, irgend etwas mit ihm stimme nicht.
Von Mr. Grey scheint aus Männersicht eine Bedrohung auszugehen. .
Es gab sehr persönliche und sehr heftige Reaktionen von Männern
auf diesen Film und das ist wunderbar.
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