RÜCKKEHR ANS MEER

François Ozon - Regie


Filmographie

2010 LE REFUGE (RÜCKKEHR ANS MEER)
2009 RICKY – WUNDER GESCHEHEN
2007 ANGEL – EIN LEBEN WIE IM TRAUM
2006 UN LEVER DE RIDEAU (Kurzfilm))
2005 LE TEMPS QUI RESTE (DIE ZEIT, DIE BLEIBT)
2004 5X2
2003 SWIMMING POOL
2002 8 FEMMES (8 FRAUEN)
2001 SOUS LE SABLE (UNTER DEM SAND)
2000 GOUTTES D’EAU SUR PIERRES BRÛLANTES (TROPFEN AUF HEIßEM STEIN)
1999 LES AMANTS CRIMINELS


Interview mit François Ozon

Schwangerschaft
Vor einem Jahr rief mich eine befreundete Schauspielerin an, um mir erfreut mitzuteilen, dass sie schwanger sei. Zwei Tage später rief ich sie zurück und schlug ihr einen Film vor, der von ihrer Schwangerschaft inspiriert wäre. Zuerst freute sie sich, aber nach einer Woche stieg sie wieder aus. Sie war mit ihrem zweiten Kind schwanger und wusste, was auf sie zukommen würde und fühlte sich nicht in Lage, gleichzeitig Schauspielerin und Mutter zu sein.

Enttäuscht wollte ich das Projekt schon ganz verabschieden, als meine Besetzungschefin mir mitteilte, “Gerade sind in Paris drei Schauspielerinnen schwanger und eine davon ist Isabelle Carré.“ Mein Enthusiasmus kam sofort zurück. Isabelles jugendliches Aussehen begeisterte mich – sie wirkt noch immer nicht wie eine Erwachsene auf mich. Ich rief sie an, wir trafen uns und ich erzählte ihr von dem Projekt. Sie dachte zwei Tage darüber nach und sagte zu.
Seit Ewigkeiten träumte ich davon, einen Film mit einer wirklich schwangeren Schauspielerin zu machen. Ich habe schon oft Mutterschaft thematisiert, aber noch nie speziell die Schwangerschaft beobachtet. Sie wurde entweder elliptisch übergangen, ganz kurz durch einen falschen Bauch dargestellt oder der Film begann erst, nachdem das Kind geboren war.

Das Drehbuch
Zu Beginn ließ ich Isabelle ein dreiseitiges Treatment lesen, das die Entwicklung der Charaktere skizzierte. Dann schrieb ich das Drehbuch und traf sie regelmäßig dabei. Sie war im sechsten Monat schwanger und ich bat sie, mir ihre neuen Gefühle und Empfindungen zu beschreiben. Ich ahnte einiges, aber ich wollte konkrete Details: Kannst du diese besondere Bewegung machen? Was isst du? Wie kommst du aus dem Bett? Was hast du geträumt? In Teilen ist der Film eine Dokumentation von Isabelle. Auch wenn sich Mousse sehr von ihr unterscheidet, hat Isabelle uns wirklich mit Infos gefüttert und inspiriert.

Isabelle hat die Entwicklung des Drehbuchs Schritt für Schritt mitbekommen, und ich glaube, das gefiel ihr. Da wir schnell vorankommen mussten, bat ich einen jungen Drehbuchautoren, Mathieu Hippeau, um Hilfe. Ich gab ihm den Rahmen der Szenen vor, und er füllte sie aus. Er hat eine große Lebendigkeit und Zärtlichkeit zu den Dialogen hinzugefügt. Wir drangen sofort zum Essentiellen vor, ohne Filter, ohne die üblichen Drehbuch-Zwischenstufen, die nur Distanz herstellen.

Der Wunsch, eine schwangere Frau zu filmen
Es ist faszinierend, eine schwangere Frau zu betrachten. Ihr Körper verwandelt sich, wird runder... das ist sehr attraktiv, sinnlich und mysteriös. Ich fühle mich ein wenig wie Marie Rivière oder der Mann im Café im Film: Jeder will eine schwangere Frau anfassen! Ich sagte Isabelle gleich zu Beginn: „Ich will deinen Körper erotisieren, deinen Bauch. Er muss sehr präsent sein, sichtbar. Ich werde ihn filmen, ihn liebkosen, er ist das Thema des Films.“ Der Bauch ermöglicht den Neuanfang. Die Beziehung von Mousse und Paul entwickelt sich wegen des Bauchs, er ist die Basis ihrer Verbindung.

Dreharbeiten mit einer schwangeren Schauspielerin.
Während der Vorbereitung konnte Isabelle leicht zwischen sich und Mousse unterscheiden. Sie hatte keine Angst vor Dialogen oder Situationen. Aber als wir anfingen zu drehen, wurde es schwieriger. Sie musste Szenen spielen, die absolut konträr zu ihren eigenen Schwangerschaftserfahrungen standen. Zum Beispiel kommunizierte sie außerhalb des Drehens unablässig mit ihrem Baby, sie berührte ihren Bauch und sprach mit ihm, während Mousse sich im Film gar nicht mit dem Baby beschäftigt, sie wurde ungewollt schwanger und sie behält es vor allem als Verbindung zu dem Mann, den sie liebte und verlor.

Isabelle ist eine virtuose Schauspielerin, sich ihrer Kunst sehr bewusst, aber bei diesem Film löste ihr körperlicher Zustand eine Unsicherheit aus, verwirrte sie. Sie war sehr empfindlich und oft in einem sehr fragilen Zustand. bei starkem Wind einen Strand lang laufen zu müssen, die Dünen hochzuklettern mit acht zusätzlichen Kilos, eine Aufnahme mehrfach wiederholen müssen, bei der sie von einem Stuhl aufsteht... Sie wurde leicht müde und fand das Drehen bald körperlich sehr schwierig. Sie hatte Angst, dass sie es körperlich und seelisch nicht bis zum Ende durchhalten könnte. Aber ich war sehr zuversichtlich, ich wusste, dass sie eine starke Schauspielerin ist.

Es ist für einen Regisseur immer sehr bewegend, einen Moment des Kontrollverlustes bei seiner Schauspielerin einzufangen. Du spürst, dass ihre Gefühle ihr entgleiten, dass sie dem widerstehen will, aber letztendlich gibt sie auf und bietet dir ein wertvolles, wahres und sehr privates Stück ihrer selbst.

Der Mutterinstinkt
In unserer Gesellschaft wird der Mutterinstinkt hoch idealisiert und mit extrem positiven Bildern verbunden. Ich wollte zeigen, dass die Dinge oft komplexer sind. Der Mutterinstinkt ist nicht angeboren. Mousse erlebt ihre Schwangerschaft nicht als einen Zeugungsprozess. Sie ist vor allem eine Möglichkeit, den Tod von Louis annehmen zu können, um zu trauern. Ein neues Leben zu tragen und zu geben als Mittel, den Schmerz und die Ungerechtigkeit des Todes ihres Liebhabers zu lindern. Mousses Körper ist nur ein Durchgangsort, eine Stätte der Weitergabe.

Drogenabhängige, die einen Entzug machen, kennen ihre Gefühle und Wünsche oft sehr genau. Ihre Sinne sind geschärft. Mousse sieht ihre Situation sehr klar. Sie belügt sich nicht, und zuletzt trifft sie eine sehr ehrliche Entscheidung: Sie verschwindet lieber als vorzugeben, eine gute Mutter zu sein.

Mousse
Der Name kam seltsamerweise von selbst auf, ganz instinktiv und ohne besonderen Grund. Ich mochte seinen Klang, süß und feucht. Wir wissen nichts über die Vergangenheit des Mädchens, darüber woher sie kommt oder über ihre Familie....aber der Name gibt ihr eine Einzigartigkeit im Vergleich zu den klassischen französischen Namen der anderen Charaktere Louis und Paul.


Die Zuflucht
Die Wohnung, in der Mousse und Louis Drogen nehmen, ist eine Art Kokon, eine Zuflucht, in der sie sich verbarrikadieren. Aber Mousse muss raus und der realen Welt entgegentreten. Louis’ Tod hat sie am Boden zerstört, und die Forderung ihrer Schwiegermutter, das Baby abzutreiben, verletzt sie. Schließlich verlässt sie das Heroin-Refugium und findet eine andere Zuflucht, weit weg von der Stadt, nahe dem Meer und der Natur, ein Platz, an dem sie weiter kämpfen muss, aber sie zuletzt Frieden mit sich selbst schließen kann. An diesem Ort öffnet sich Mousse für Augenblicke des Friedens und der Zärtlichkeit, die sie sich vorher nicht erlaubt hatte.

Für mich ist RÜCKKEHR ANS MEER die Geschichte eines Heilungsprozesses, der brutal und schmerzvoll ist, aber die Geschichte ist sehr behutsam erzählt. Es ist auch ein Film über Verlust und wie man ohne bestimmte Dinge zurecht kommt: ohne Drogen, ohne Liebe, ohne jemanden.
Mousse und Paul sind zwei Menschen, die nichts gemeinsam haben und sich normalerweise nicht getroffen hätten, und doch helfen sie einander, vertrauen sich. Sie sind beide Außenseiter, die sich noch selbst finden müssen. Am Ende des Films finden sie ihren Platz und ihren Frieden. Mousse entdeckt ihre Fähigkeit, sich für die Liebe und das Leben entscheiden zu können, und Paul findet den Sinn seiner Geschichte. Die Geschichte von Mousse findet sich in seiner wieder.

Mousses Schmerz ist bereits zu Beginn des Films klar erkennbar, das Leiden von Paul zeigt sich erst nach und nach. Ich wollte, dass Paul erst eine Nebenfigur ist, er ist einfach Mamas Liebling – dann entwickelt er sich, wird komplexer und bekommt eine Wichtigkeit, die wir zuerst nicht erwarten.

Paul
Ich wollte nicht, dass ein professioneller Schauspieler Paul darstellt, ich wollte niemanden, der schauspielert. Als Gegenüber der sehr erfahrenen Schauspielerin Isabelle wollte ich eine „Jungfrau“, jemand sehr reines platzieren. Deshalb machte ich ein paar Tests mit dem Sänger Louis, der mir diesem sanften männlichen Charakter mit einem Geheimnis sehr ähnlich schien. Ich traf ihn auf einem Konzert und mochte seine Empfindsamkeit einer gequälten Seele und seine Schönheit, wegen der er anscheinend verlegen ist. Seine Fragilität als Laiendarsteller gefiel mir und fügte sich in die Zerbrechlichkeit der Figur: Das war Paul.

Da Louis zuallererst Sänger ist, wollte ich auch, dass seine Stimme im Film vorkommt. Er schrieb den Titelsong, mit der Vorstellung, dass er wie ein nachduftendes Parfüm sein sollte, eine Erinnerung an die Präsenz seines Bruders.

Melvil
Ich dachte sofort an Melvil Poupaud, aber ich hatte Skrupel, ihn anzurufen. Ich hatte ihn bereits in „Die Zeit, die bleibt“ sterben lassen. Nun würde ich ihn wieder sterben lassen, und diesmal in den ersten 15 Minuten des Films! Aber ich konnte mir niemand anderes für die Rolle vorstellen.

Er war sofort interessiert und begeistert Er brachte dieses natürliche Charisma und Realtiät in die Drogenszenen. Ich wusste, dass es eine Leere erzeugen würde, ihn schnell verschwinden zu lassen, die mehr Empathie für Mousse und ihre Gefühle hervorrufen würde. Wie Bruno Crémer in „Unter dem Sand“ hatte Melvil nicht viel Zeit, um die Leinwand und die Zuschauer zu beeindrucken, aber ich wusste, dass er uns, wenn er erst verschwunden ist, fehlen würde.

In HD drehen
Da wir schnell und mit einem kleinen Team drehen mussten, fand ich, dass das eine gute Gelegenheit wäre, HD auszuprobieren. Wir hatten nicht wirklich eine Wahl, da das Budget zu klein für 35mm und 16mm war.
Es war also eine Budget-Entscheidung der Produktion und eine neue technische Realität für mich, die ich schnell erlernen musste. Da ich die Schönheit der Landschaft einfangen wollte, das Licht, die Natur und die Schauspieler, entschied ich mich für Cinemascope und lange Brennweiten, um den Kontrastmangel des digitalen Bildes aufzuheben, Unschärfen wieder herzustellen und so dem Bild Tiefe zu verleihen. Der größte Vorteil dieser Kameras liegt in ihrer Fähigkeit, bei wenig Licht aufzunehmen, mit wenig oder keiner künstlichen Beleuchtung. Deshalb konnte ich zu magischen Stunden filmen: Morgenröte, Sonnenuntergang, nachts am Strand...
Da wir keine Dollyfahrer hatten und keine Kamerafahrten machen konnten, vereinfachte ich das Drehbuch und bevorzugte die frontale Annäherung, ich benutzte einen Zoom und veränderte die Bewegungen der Schauspieler...Wir mussten alles ganz direkt halten und sehr schnell, diese Art zu filmen stimmte komplett mit dem Inhalt der Geschichte überein. Das Filmbudget harmonierte mit dem Film.

Der Brief von Mousse
Wenn Paul nicht gewesen wäre, wäre Mousse bei ihrem Baby geblieben.
Ihr Weggehen ist für mich kein Verlassen, sondern nur ein Übergang. Mousse rennt nicht davon, sie braucht nur ein wenig mehr Zeit, um eine Mutter zu werden. Indem sie ihr Kind bei Paul lässt, beschützt sie es. Sie weiß, dass Paul sich besser um es kümmern wird. Er ist eher bereit, ein Vater zu sein, als sie eine Mutter sein kann.
Ich überlegte, ob ich eine Szene drehen sollte, in der Mousse das Kind direkt Paul gibt, um die Veränderung konkreter, physischer zu machen. Aber ich fand den Brief, im Off vorgelesen, echter. Mousses Blick in die Kamera in der U-Bahn ist ihre Art, sich an Paul, ihre Tochter und die Zuschauer zu wenden, und sie zu Zeugen zu machen. Mousse weiß, dass sie zurückkommen wird.

Sie hat starke Gefühle für Paul, aber sie werden nie zusammenleben.
Sie liebt ihr Kind, aber sie verlässt es.

Ich liebe dieses Paradoxon der Abwesenheit: es existiert eine Verbundenheit auch ohne physische Präsenz.