RÜCKKEHR ANS MEER

Louis-Ronan Choisy - Paul

Der Chansonnier und Songschreiber wird 1977 in Paris geboren. Er beginnt seine Karriere mit der Psychedelic Rockband The Dreams und der Punk-Glam-Rock-Band IKA. Nach deren Auflösung entdeckt er, damals 22 Jahre alt, Leonard Cohen für sich und beschließt, Chansonnier zu werden. Beeinflusst vom Filmkomponisten Alexandre Azaria (bekannt als Replicant) fängt er an, mit elektronischen Elementen zu experimentieren und sich dem Pop und dem Elektro-Rock zuzuwenden. Durch seine Arbeit mit François Ozon, für dessen Film Rückkehr ans Meer er die Musik komponiert, wendet er sich für sein aktuelles Album "Rivière de plumes" dem Folk-Pop zu. Rückkehr ans Meer ist auch sein Debüt vor der Kamera.

Discographie

2008 LES ENFANTS DU SièCLE (Neogene Music / EMI)
2006 LA NUIT M’ATTEND (Columbia / Sony BMG)
2003 D’APPARENCE EN APPARENCE (Columbia / Sony BMG)

Filmographie

2010 LE REFUGE (RÜCKKEHR ANS MEER) von François Ozon
MEMORY LANE von Mikhaël Hers


Interview mit Louis-Ronan Choisy


Wie war das Treffen mit François Ozon?
Ich lud ihn zu einem Konzert zur Veröffentlichung meines dritten Albums ein. Ich wusste, er hatte mich bereits als Voract zu Dani gesehen und ging davon aus, dass ihm meine Musik gefallen würde.
Er kam zu dem Auftritt und wir redeten ein wenig, waren uns sympathisch. Etwas später erzählte er mir, dass er eine Idee für einen Film hätte und es gut fände, wenn ich ein paar Probeaufnahmen machen würde. Ich war neugierig darauf, wie er arbeitete und sagte deshalb zu.
Einige Wochen später sagte er, dass die Aufnahmen nicht schlecht seien und schlug vor, dass wir noch einige machen sollten, mit Isabelle Carré. Er wollte sehen, ob die Chemie zwischen uns stimmte.

Welche Ratschläge gab er Ihnen als Schauspiel-Novize?
Für die Probeaufnahmen hatte ich meinen Text sehr ernsthaft vorbereitet, doch François bat mich, etwas lockerer zu werden. Er riet mir, meinen Text neutral zu lernen, ohne mich auf eine bestimmte Vorstellung zu versteifen. Ich sollte meine Frische behalten und offen bleiben für all das, was passieren konnte.
Ich glaube, er entwickelte die Figur des Paul entsprechend dem, was er für mich als natürlich empfand. Da ich kein Schauspieler bin, konnte er nicht erwarten, dass ich eine Figur verkörpere, die komplett anders ist als ich. Er ist sehr scharfsichtig und analytisch. Er beobachtet Menschen, ihre Charaktere, ihre Fähigkeiten. Er hat mich wie eine formbare rohe Masse ausgesucht.
Er wollte nicht, dass ich zuviel über die Szenen im voraus nachdenke, ich sollte ganz im Augenblick des Spiels sein. Vor jeder Szene teilte er mir einfach mit, welche Gefühle und Regungen Paul verspüre oder in welcher Verfassung er genau in dem Moment ist. Das ließ er mich spontan übernehmen. Wenn ich mich irrte, korrigierte er mich... aber immer mit Humor. Es gab nichts Unausgesprochenes oder Unbehagliches.
Außerdem hatte der Ko-Drehbuchautor Mathieu Hippeau mir ein Buch von einer Frau gegeben, die adoptiert wurde. Sie schrieb von einem schwarzen Schleier, einer großen Leere in ihr, als ob sie keine Wurzeln hätte. Dieses Gefühl versuchte ich zu kanalisieren. Während des Drehens fühlte ich mich oft so, als ob ich über Eierschalen laufen würde. Ich fühlte mich fehl am Platz. Aber das war sicherlich auch, weil ich kein ausgebildeter Schauspieler bin!

Und die Tatsache, dass Sie eine homosexuelle Figur spielen?
Ich hätte Angst gehabt, wenn François mich gebeten hätte, Pauls Homosexualität zu karikieren, aber das war nicht der Fall. An Paul finde ich besonders interessant, dass er seine Identität noch sucht, die Grenze zwischen Hetero- und Homosexualität ist bei ihm noch nicht klar definiert.

Wie war die Arbeit mit Isabelle Carré?
Es war ein großes Glück, mit einer Schauspielerin wie Isabelle Carré zu arbeiten. Sie führte mich. Wann immer sie merkte, dass ich etwas verloren war, gab sie mir den Rhythmus vor. Ich war sehr empfänglich für ihre Vorgaben, und als Musiker spielte ich nach ihren Noten. Das funktionierte bei den ersten Szenen im Haus perfekt, wo Mousse die Oberhand hat und das Spiel führt. Paul reagiert am Anfang nur auf sie.

Half Ihnen die Erfahrung Ihrer Auftritte als Musiker?
Nicht wirklich. Ein Konzert ist was ganz anderes: Du gibst wie ein Verrückter für anderthalb Stunden alles, aber dann kannst Du durchatmen und feiern gehen. Nach einem Drehtag hingegen hatte ich nur Lust, mich hinzulegen und zu schlafen! Während der Drehtests warnte mich Isabelle, dass Dreharbeiten sehr intensiv seien. Ich dachte: „Oh, wie anstrengend kann das schon werden? Ich dreh nur meine Szene und dann kann ich meinen Kram machen.“
Deshalb kam ich mit meinem Keyboard und meinem Computer, während des Drehs wollte ich an meinem Album ausführlich rumfeilen. Mir war nicht klar, dass schauspielern einen auffressen kann, es zehrt an einem. Es ist schwierig, den Ton einer Figur die ganze Zeit durchzuhalten, ihn jeden Tag wieder zu entdecken. Mein Keyboard stand fast immer ungenutzt in meinem Zimmer rum. Letztendlich benutzte ich es nur, um das Filmthema zu komponieren!

Woher kam die Idee, ein Lied für den Film zu komponieren?
Zuerst wollte François meine Alben durchhören, um zu sehen, ob eines meiner Lieder zum Film passen würde. Dann hatte einer von uns beiden – ich weiß nicht mehr, wer – die Idee, während des Drehs, von der Stimmung des Films inspiriert, ein Lied zu komponieren. Ich mochte die Idee, fand sie witzig, aber es erwies sich als ganz schön schwierig. Ich war so müde! Sogar Klavier spielen war weniger natürlich. François hat mich sehr unterstützt, ließ mich wissen, ob ihm die Richtung der Komposition gefiel oder nicht.
Er wollte ein zärtliches, melancholisches Lied, wie ein Wiegenlied. Ich bezog mich auf „Mon ami Pierrot“ und stellte mir eine nächtliche Stimmung vor, ein Schlafzimmer, flackernde Kerzen... Beim Text wollte ich eine gewisse Unschärfe, wie in einem Traum, etwas, dass der Liebe zwischen Mousse und Louis entsprach, die ihr Wohl in den Drogen gefunden hatten, oder zwischen Mousse und Paul, die mit ihrer Beziehung den Verlust von Louis ausgleichen. Ich wollte nicht in Details gehen, sondern etwas Atmosphärisches kreieren.
François ermutigte mich, ganz schlicht zu bleiben und die Melodie wie ein Ritornell zu wiederholen. Er half mir auch bei einer Stelle beim Text. Wir arbeiteten abends daran, nach einem Drehtag. Das war unsere Entspannung!
Isabelle kam manchmal beim Komponieren vorbei und ich spielte ihr vor, was wir schon hatten. Sie verspürte eine Affinität zu dem Lied. Es war wichtig, dass sie noch konkreter mitwirkte, indem sie das Lied für den Abspann sang.
François nahm mich auch am Klavier auf, beim Drehen, ich spielte Arpeggios und Improvisationen der Harmonien des Liedes. Die Aufnahmen benutzte er beim Schneiden, und ich wiederum benutzte sie zur Orientierung, als ich die instrumentalen Teile des Soundtracks aufnahm. Das Wichtigste war, den natürlichen, spontanen Sound zu erhalten, mit dem ich das erste Mal während des Drehs gespielt hatte.

Was sucht Paul Ihrer Meinung nach bei Mousse?
Er sucht seine Vergangenheit. Er versucht, sie unterbewusst noch einmal zu durchleben. Ich glaube, der Auslöser ist, dass seine Mutter Mousse bittet, abzutreiben. Das versetzt Paul an einen weit zurückliegenden Moment seiner Geschichte und macht ihm bewusst, was ihm widerfahren ist. In diesem Moment entwickelt sich die Verbindung zu Mousse, und der Wunsch erwacht in ihm , ihr näher zu kommen.
Er fühlt sich auch schuldig für den Vorschlag seiner Mutter, da er nicht dagegen einschreitet. Das macht ihn gewissermaßen zum Mittäter. Als seine Mutter Mousse die Dienste des Familienarztes anbietet, dreht er sich weg.

Kann Paul ein guter Vater sein?
Da ich ihn ein wenig kenne, glaube ich, ja! Er gibt Louise, was er selbst niemals bekam… und dabei wird er zweifellos den Schmerz seiner Vergangenheit etwas lindern. Ich verstehe, warum Mousse ihm ihre Tochter anvertraut. Paul ist der Einzige, der Zeit mit ihr verbringt, ihr beisteht und sie dabei unterstützt, dieses Baby auf die Welt zu bringen.

Erscheint Ihnen die Art, wie RÜCKKEHR ANS MEER die traditionellen Vorstellungen von Mutterschaft und Familie hinterfragt, besonders aktuell?
Ich bin nicht sicher, dass diese Geschichte nur in unsere Zeit passt. Ich glaube, sie hätte jederzeit stattfinden können. Aber dass sie mit einer solchen Leichtigkeit und Natürlichkeit erzählt werden konnte, das ist das Moderne daran… Aber das liegt auch vor allem daran, dass François den Film drehte! Ich glaube, dass er die Menschen in all ihrer Komplexität, mit all ihren Schatten und lichten Seiten, wahrhaftig liebt. Er ist gut darin, konfliktbeladene Beziehungen darzustellen. Er erzählt wie es ist, ganz natürlich, ohne moralische Beurteilung.

Sie sind die solitäre Arbeit beim Chansonschreiben gewohnt. Bei diesem Film diente Ihre künstlerische Arbeit einem Kollektiv…
Es ist sehr angenehm, für jemand anderen künstlerisch zu arbeiten, in dessen Universum einzutreten und nicht das gesamte Gewicht auf den eigenen Schultern tragen zu müssen. Aber ein Lied zu schreiben folgt derselben Logik, erfordert dieselbe Energie, dieselbe Entblößung. Die Techniken sind verschieden, aber es geht darum, das zu geben, was im tiefsten Inneren da ist. Ich glaubte, dass man einen gewissen Abstand zu der Figur hat, die man spielt. Aber tatsächlich ist es nicht so. Die Figur übernimmt all das, was dich unmittelbar ausmacht. Es ist sehr viel persönlicher und tiefgründiger als ich erwartete.


<< Isabelle Carré - Mousse