RÜCKKEHR ANS MEER

Isabelle Carré - Mousse

Isabelle Carré wird 1971 in Paris geboren. Nach der Schauspielausbildung an der "École nationale supérieure des arts et techniques du théâtre" beginnt sie ihre Filmkarriere 1989 in "Milch und Schokolade" (Romuald et Juliette) von Colline Serreau. Bislang spielte sie über 30 Film- und Fernsehrollen, unter anderem in "Der Husar auf dem Dach" (Le Hussard sur le toit) von Jean-Paul Rappeneau, "Ein Sommer auf dem Lande" (Les enfants du marais) von Jean Becker oder in "Wahnsinnig verliebt" (À la folie … pas du tout!) von Laetitia Colombani. Für ihre Rolle der Claire in "Claire - Se souvenir des belles choses" von Zabou Breitman erhält sie 2003 den CÉSAR als Beste Nachwuchsdarstellerin. Isabelle Carré spielt auch am Theater, wo sie u.a. für die Rolle der Mademoiselle Else in Didier Longs Inszenierung von Arthur Schnitzlers Fräulein Else am Pariser Petit Théâtre 1999 den Theaterpreis Molière als Beste Hauptdarstellerin erhält.

Filmographie

2010 LE REFUGE (RÜCKKEHR ANS MEER) von François Ozon, Où VAS-TU JUDITH ? von Yves Thomas, LES ÉMOTIFS ANONYMES von Jean-Pierre Améris
2009 TELLEMENT PROCHES von Eric Toledano und Olivier Nakache
2008 CLIENTE von Josiane Balasko, MUSÉE HAUT MUSÉE BAS von Jean-Michel Ribes
LES BUREAUX DE DIEUX von Claire Simon
2007 ANNA M von Michel Spinosa
2006 QUATRE ÉTOILES von Christian Vincent
CŒURS (HERZEN) von Alain Resnais
2005 ENTRE SES MAINS von Anne Fontaine
L’AVION (DAS ZAUBERFLUGZEUG) von Cédric Kahn
2004 HOLY LOLA von Bertrand Tavernier
EROS THÉRAPIE von Danielle Dubroux
2003 LES SENTIMENTS (FEELINGS) von Noémie Lvovsky
2002 À LA FOLIE... PAS DU TOUT (WAHNSINNIG VERLIEBT) von Laetitia Colombani
SE SOUVENIR DES BELLES CHOSES von Zabou Breitman, César Beste Darstellerin
2000 ÇA IRA MIEUX DEMAIN von Jeanne Labrune, L’ENVOL von Steve Suissa
1999 LA BÛCHE von Danièle Thompson, SUPER LOVE von Jean-Clauvon Janer
LES ENFANTS DU MARAIS (EIN SOMMER AUF DEM LANDE) von Jean Becker
1997 LA FEMME DÉFENDUE (DIE VERBOTENE FRAU) von Philippe Harel
1996 BEAUMARCHAIS, L’INSOLENT – DER UNVERSCHÄMTE von Edouard Molinaro
1995 LE HUSSARD SUR LE TOIT (DER HUSAR AUF DEM DACH) von Jean-Paul Rappeneau
1992 BEAU FIXE (BLAUER HIMMERL) von Christian Vincent
1991 LA REINE BLANCHE (DIE SCHÖNE LILLI) von Jean-Loup Hubert
1989 ROMUALD ET JULIETTE (MILCH UND SCHOKOLADE) von Coline Serreau


Interview mit Isabelle Carré

Wann fand das Treffen mit François Ozon statt?
François bot mir den Film genau einen Monat vor dem Urlaub an, in dem ich geplant hatte, meine Schwangerschaft voll ausleben zu können. Mein erster Gedanke war „nein“, aber dann sagte ich ihm, dass ich erst darüber nachdenken müsse. Die Erfahrung reizte mich sehr, besonders mit einem Regisseur wie ihm. Ich sagte also – ein wenig beunruhigt – zu, unter der Bedingung, dass wir dort drehen würden, wo ich meinen Urlaub geplant hatte, im Baskenland.

Weshalb waren Sie beunruhigt?
Eigentlich beunruhigte mich bei dem Thema nur eine Sache: „Was wird mein Kind denken, wenn es den Film sehen wird?“ Ich wollte nicht, dass es sich benutzt fühlen würde.
Das ist immer noch eine wichtige Frage, aber wenn ich eine Frau spielen würde, die Euthanasie begeht oder wenn ich Nacktszenen drehen würde, könnte das für mein Kind auch sehr verstörend sein. Dürfen wir, wenn wir Kinder haben, nur noch Szenen à la Walt Disney drehen? Letztendlich sagte ich mir, dass das mein Job sei und mein Kind beim Heranwachsen genug Zeit haben würde, das zu verstehen und sich daran zu gewöhnen, eine Schauspielerin als Mutter zu haben.
Isabelle Huppert, die auch in Saint Jean de Luz war, kam bei uns vorbei und sagte etwas, das mich berührte und beschwichtigte: „Es ist wunderbar, wenn die Schauspielerin die Frau in uns trifft, wenn unser Leben als Frau sich mit dem fiktionalen vermischt, wenn der Korridor zwischen Realität und Fiktion ganz schmal wird, diese Momente sind immer besonders spannend.“ Dennoch bin ich im echten Leben überhaupt nicht wie Mousse, ihre Geschichte hat nichts mit meiner gemein, ich habe eine Rolle gespielt.

Wie war es für Sie, während Ihrer Schwangerschaft einen Film zu drehen?
Normalerweise nehme ich mir fürs Spielen Zeit. Aber bei diesem Film war ich die ganze Zeit gehetzt. Gehetzt, weil ich Zeit für mich haben wollte, um auszuruhen. Es ging wirklich darum, mein Kind zu beschützen. Ich war letztlich nicht so sehr auf den Film konzentriert. Und doch hatte ich ein sehr genaues Gefühl für meine Figur, wie sie ist, die Lust, sie zu spielen, die Angst, die gelegentliche Erschöpfung. All das ergibt ein buntes, reichhaltiges Bild.

Zu Beginn des Drehs misstraute ich François ein wenig, aber nach und nach bekam ich mit, dass er meine Bedürfnisse sehr aufmerksam wahrnahm, auch wenn ich manchmal fühlte, dass er das Ausmaß meiner physischen Erschöpfung nicht verstand. Einmal brüllte ich ihn total an! Wir kletterten die Dünen hinauf, ohne Rampe, und ich war an dem Tag völlig erschöpft. Ich hatte Angst um mein Baby. Aber er hat mich nie zu etwas gezwungen. Er war immer sehr aufrichtig und wohlwollend.

Wie hat er Sie geführt?
Er ist sehr entspannt und natürlich am Set. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, ist direkt und ehrlich. Er gibt den Schauspielern sehr präzise Anweisungen, erklärt genau, welche Bewegungen und Gesten er möchte. Er lässt auch Raum für Improvisationen, wenn man etwas hinzufügen möchte.

Er ist so ein unersättlicher Filmemacher, er hat unablässige Lust aufs Kino und aufs Drehen. Man hat den Eindruck, dass er mit vielen Filmen aufgewachsen ist, das Kino ist seine Domäne. Gleichzeitig kann man bei ihm ganz offen sein, er ist nicht beleidigt, wenn man ihn kritisiert. Er hat ein sehr gesundes, ausgeglichenes Verhältnis zu seiner Arbeit.

Wie empfinden Sie Mousses Verhältnis zu ihrer Mutterschaft?
Mousse leugnet ihre Mutterschaft, die Präsenz ihres Babys im Bauch ist für sie eher die des Mannes, den sie liebte und verlor. Unbewusst überträgt sie die verlorene Präsenz auf das Baby. Da ich das genaue Gegenteil von Mousse bin, gefiel es mir, dass François mich äußerlich veränderte, er frisierte mir einen Pony, ich wurde stark geschminkt, trug Ohrringe oder Tätowierungen. Das half mir, eine gewisse Distanz zur Figur zu behalten. Auch die Art, wie er mich spielen ließ. Er wollte immer, dass ich ins Leere starre, oder dass ich den Kopf senke. Im wirklichen Leben gucke ich eher in den Himmel, ich lächle viel und bin eine Optimistin.

Wie schlüpften Sie in die Haut einer schwangeren Drogenabhängigen?
François bat mich, einen Arzt zu fragen, was es bedeutet, drogenabhängig und schwanger zu sein. Immer, wenn ich eine Frage hatte, rief ich ihn an. Wir hatten mehrere lange Telefongespräche. Er erzählte mir ein paar sehr konkrete Details, die mir bei den Gesten und meinem Verhalten halfen. Beispielsweise, dass Methadon zu nehmen ausähe, wie Hustensirup zu trinken. Das bedeutet, dass man danach mit der Zunge über die Zähne fährt und den Mund ausspült. Er erzählte mir auch, dass Bier die Wirkung von Methadon verstärke. So ließen wir Mousse Bier trinken, das lockerte sie. Ich fragte ihn auch, ob Methadon emotional schwächt. Aber im Gegenteil, es stabilisiert die Stimmung. Es hält dich heiter, beständig. All diese Informationen halfen mir, die Verfassung und Stimmung von Mousse zu verstehen.

Das ist das erste Mal, dass Sie eine so schwierige Figur darstellen.
Ja, ich wollte wirklich von diesem Süßlichen, Kindlichen wegkommen. Oder dem Höflichen, etwas Glatten. Ich kann es kaum erwarten, dass die Leute hinter mein kindliches Gesicht sehen. Ich habe keine Lust, mein ganzes Leben alte kleine Mädchen zu spielen!

Was verbindet Ihrer Meinung nach Mousse und Paul?
Mousse ist unglaublich allein, und Paul ist ein wenig verloren bei der Suche nach sich selbst. Es kann sein, dass er nach einer vielleicht mütterlichen Zuneigung sucht, die er nie bekam. Auch wenn er es ihm nicht bewusst ist, er klingelt an Mousses Tür, um eine besondere Verbindung zu dieser Frau zu erleben.

Mousse erweckt den Eindruck, stark zu sein, niemanden zu brauchen, aber eigentlich ist sie sehr zart. Deshalb hat sie diese Mauern um sich errichtet und widersetzt sich zunächst vehement der Wärme von Paul. Wenn man lange allein war, ist es leichter, für sich zu bleiben, als ein wenig Sonnenschein hereinzulassen. Mousse will lieber in ihrer Kälte, hinter ihren Mauern bleiben. Und dann öffnet sie sich nach und nach.

Noch etwas Neues für Sie: mit einem Partner zu spielen, der kein Schauspieler ist.
Ich versuchte, noch aufmerksamer als sonst zu sein, einen guten Kontakt zu ihm herzustellen, indem ich direkt auf ihn reagierte, damit er sich wohl fühlte.
Ich verspürte auf Anhieb eine große Zuneigung zu Louis. Er war so feinfühlig und aufmerksam mir gegenüber. Seine Rücksicht hat mich sofort sehr berührt und hat ihm sich dabei geholfen, sich in seine Figur einzufühlen. Denn Paul ist so: Er achtet mehr auf Mousse, als sie selbst. Er beschützt sie.

Und mit Melvil Poupaud zu drehen?
Wir haben „Les Sentiments“ zusammen gedreht und uns sehr gut verstanden. Als wir uns bei RÜCKKEHR ANS MEER wieder trafen, war es, als ob wir eine gemeinsame Geschichte, eine Vergangenheit miteinander hätten. Ich glaube, das hat uns dabei geholfen, als Mousse und Louis wie ein altes Paar zu wirken. Melvil wirkt sehr markant – sein Aussehen und seine Persönlichkeit. Er ist sehr charismatisch, gleichzeitig Engel und Dämon, sehr heftig und widersprüchlich. Es ist toll, wieviel er in so wenig Szenen ausdrücken kann.

Was haben Sie gefühlt, als Sie den Film sahen?
Ich war sehr berührt davon, wie persönlich der Film für mich und auch für François ist, glaube ich. Der Film ist so zärtlich, rein und gütig. Als ich ihn sah, verstand ich, wie einfühlsam und aufmerksam François war, wie besorgt er um meine Bedürfnisse war. Ich war von seiner Feinfühligkeit sehr berührt. RÜCKKEHR ANS MEER ist das Ergebnis einer wirklichen Begegnung zwischen uns.

Wenn Sie es noch einmal machen müssten...
Witzig, dass Sie das fragen, denn die Frage stellte ich mir während den Dreharbeiten auch. Ich verstand, warum keine andere Schauspielerin in diesem Stadium der Schwangerschaft drehen wollte. Diese Müdigkeit, die Energie, die mich das Drehen kostete, das Engagement. In jenem Moment dachte ich, nein, das würde ich nicht mehr machen. Aber als wir uns im Winter in Paris trafen, um diese Nachtclub-Szene zu drehen, freute ich mich so sehr, François und Mousse wieder zu treffen. Ich war sehr froh, bei diesem Projekt dabei zu sein und dachte, ich würde es nochmal machen.

Louis-Ronan Choisy - Paul >>