MIRIKITANIS KATZEN

Interview mit Linda Hattendorf

Gewinnerin des Publikumspreises beim Tribeca Film Festival 2006

TRIBECA
Der Film scheint in einem ganz natürlichen Prozess entstanden zu sein. Haben Sie sich immer genau vorbereitet oder die Arbeitsschritte mehr dem Zufall überlassen“?

Linda Hattendorf:
Das Projekt begann im Januar 2001 mit einer zufälligen Begegnung in New York. Jimmy gab mir eine Zeichnung mit einer Katze und bat mich, sie für ihn zu photographieren. Als ich ihn dann mit meiner Video-Kamera besuchte, fing er an, mir die Geschichten seiner Bilder zu erzählen. Je mehr ich über seine Vergangenheit erfuhr, desto mehr faszinierte sie mich. Es hat mich sehr berührt, dass er während des Zweiten Weltkriegs interniert war und durch die Atombombe auf Hiroshima Familie und Freunde verlor. Ich wollte untersuchen, welche Verbindungen es gibt, wenn jemand auf diese schreckliche Weise seine Heimat verliert und 60 Jahre später obdachlos in den Straßen von New York endet. Da Jimmy in meiner Nachbarschaft in Soho „wohnte“, konnte ich ihn jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit besuchen; die Kamera war immer dabei. Neun Monate später, am Tag der Anschläge auf das World Trade Center, kannten wir uns bereits recht gut. Er lebte nur etwa eine Meile entfernt und als ich ihn da so traf, hustend in dem giftigen Qualm, konnte ich nicht einfach dastehen und die Situation dokumentieren. Die Mauern zwischen seiner und meiner Welt hatten ihren Sinn verloren. Ich nahm ihn mit zu mir nach Hause. Und von da ab änderte sich die Geschichte – für uns alle.

Wie war die Reaktion beim Tribeca Film Festival?

Es war der perfekte Ort für die Weltpremiere. Das Publikum war so unterschiedlich wie die New Yorker Bevölkerung selbst. Wir hatten viele asiatische und asiatisch-amerikanische Zuschauer, u.a. ehemalige Häftlinge aus Internierungslagern mit ihren Familien; Bewohner aus Jimmy’s Altenheim, Sozialarbeiter, Mitglieder der Friedensbewegung, Anwälte für Obdachlose, Künstler, Kunstsammler, Katzenliebhaber und Leute aus Soho und Greenwich Village, die Jimmy von der Straße kennen. Das war das Tolle an dieser Vorführung – ich finde es klasse, dass Jimmy so viele verschiedene Menschen zusammenbringt. Seine Geschichte betrifft uns alle.

Was sollen die Zuschauer mitnehmen, wenn sie den Film gesehen haben?

Ich wünsche mir, dass die Menschen den geschichtlichen Hintergrund begreifen, das bleibende Trauma von Krieg und Diskriminierung verstehen sowie die heilende Kraft von Freundschaft und Kunst. Wir sind alle eine große Familie.

Welche Folgen hatte die Teilnahme am Tribeca Festival im Sommer 2006 für Sie und Ihren Film?

Tribeca war eine tolle Möglichkeit, den Film bekannt zu machen! Es sprach sich schnell herum, dass wir den Zuschauerpreis gewonnen hatten, und so wurden wir auf Filmfestivals überall auf der Welt eingeladen. Mein Produzent Masa Yoshikawa und ich waren unter anderem in Tokio, Toronto, Rotterdam, Reykjavik, Vancouver und Tromsö („Das Paris des Polarkreises“). Wir wurden auch nach Thessaloniki, Buenos Aires, Bermuda, Mailand und München eingeladen! Ich konnte kaum Schritt halten. Die Zuschauer sind überall so phantastisch, ihre warmherzige Resonanz ist wirklich toll. Und es ist ermutigend, diese starke Gemeinschaft von Menschen in aller Welt zu spüren, die an die Idee von Frieden und Menschlichkeit glauben, wie der Film sie zum Ausdruck bringt.
In den USA sind wir auch getourt und haben mehrere Preise gewonnen, zuletzt den Preis für den Besten Dokumentarfilm beim Big Sky Documentary Festival. Was ich bei den vielen Festivalbesuchen besonders genossen habe, ist das gemeinsame Erlebnis mit dem Publikum – in jeder Vorstellung lachen und weinen die Zuschauer zusammen. Es entsteht eine emotionale Verbindung, die auch noch anhält, wenn die Lichter wieder angehen. Man kann es fühlen. Darin liegt für mich die Kraft des Kinos – Gemeinschaftsgefühl herzustellen. Darum geht es. Und jetzt können Sie sich auch vorstellen, wie aufgeregt ich wegen der anstehenden Theater-Premiere im „Cinema Village“ bin! Es ist etwas ganz Besonderes, diesen Film in Greenwich Village zu zeigen, am Ort des Geschehens.

An was arbeiten Sie gerade?

Ich entwickle derzeit verschiedene Projekte. Andererseits sind durch das Zusammentreffen mit anderen Menschen bei den Festivals ein paar interessante Ideen entstanden. D.h., ich brauche jetzt erst mal ein wenig Abstand, bevor ich wieder weiter schreibe. Für CATS habe ich fünf Jahre gebraucht – ein Jahr Drehen und vier Jahre, um die nötigen Gelder für die Fertigstellung aufzubringen. Ich hoffe sehr, dass es mir durch diesen Erfolg gelingt, das nächste Projekt schneller durchführen zu können.