ALLEIN UNTER NACHBARN - LA COMUNIDAD
Regie
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Der Regisseur
Álex de la Iglesia (Bilbao, 1965) hat sein Studium der Philosophie
an der Universität von Deusto absolviert. Seine Hobbys und Interessen
sind Rollenspiele, Comics zeichnen, Herunterschlingen von Studentenfutter,
Parties organisieren und TV-Zapping, aber er verdient sich sein Brot als
Drehbuchautor und Regisseur.
Zu seiner Filmographie zählen: Aktion mutante, Der Tag der Bestie,
Perdita Durango, Muertos de risa und ALLEIN UNTER NACHBARN - LA COMUNIDAD.
Er hat einen Roman veröffentlicht, Payasos en la lavadora. Seit geraumer
Zeit bereitet er sich intensiv auf die absolute Herrschaft des Planeten
Erde vor.
Das wahnsinnige Selbstinterview
Ich werde um ein Selbstinterview für das Presseheft gebeten.
Und ich frag’ mich, was ist mit dem Journalisten?
Hältst Du es auch nicht mehr den ganzen Tag mit mir aus, genauso
wie mein Deo? (Mein Gott, was für ein billiger Witz!)
Es ist furchterregend: Heutzutage ist niemand mehr unentbehrlich. Nur
derjenige, der sich der Umwelt anpasst, ist überlebensfähig.
Oder derjenige, der sich der Angst anpasst. Macht nichts, ich komm schon
allein zurecht. Ich werde versuchen, mich in zwei zu teilen und ein Bild
von mir auf die andere Tischseite zu projizieren. Einfach nur, um so zu
tun als ob. Es ist ziemlich leicht, ich sitze jetzt mir selbst gegenüber.
Ich sehe ein überaus dickes Individuum vor mir, mit einem Bart, der
wahrscheinlich sein etwas kindliches Gesicht mit den roten Pausbäckchen
verbergen soll. Die Person vor mir sieht nicht mehr jung aus. Sie hat
nicht nur viele graue Haare, auch lichtet sich das Deckhaar, lichtet sich
so sehr, dass der Schädel darunter schweißnass leuchtet.
Die kleinen Hände, die so unbekümmert an den Armen hängen,
lassen das Gegenüber erschauern, denn, wie ein berühmter spanischer
Showman (El Gran Wyoming) einst sagte, sie sehen aus wie „ein Bündel
Schwänze“. Der Bauch spannt sich kugelrund wie ein unbewohnter Planet
unter der Jogginghose und nimmt großzügig die Mitte des Körpers
ein. Er ist das Zentrum, als wäre er das wahre Hirn. Die verpesteten,
geschwollenen Füße überleben bei hohen Temperaturen im
Inneren der abgelaufenen Sportschuhe. Sie trauen sich nur abends aus den
Schuhen, gequält von ihrer Gewissenslast.
Álex de la Iglesia scheint offenbar ein Mensch zu sein, der sich
weder für seine Erscheinung noch für Hygiene interessiert. Die
Essensreste und Ölflecken auf seinem Hemd glänzen wie Trophäen.
Der Geruch, den er beim Nähertreten verströmt, erinnert an eine
Babywindel, jene sonderbare Mischung aus pseudo-frischem Duftwasser und
beißendem Muff. Er scheint es zu ahnen, denn er tritt rücksichtsvoll
zu Seite.
Warum sind Sie so dick geworden?
Hey, ich bin ein Profi. Ich verrichte meine Arbeit mit Würde und
Respekt. So möchte ich auch behandelt werden.
Nicht zu fassen! Dann antworte ich eben. Ich nehme zu, weil ich essgierig
bin. Ich würde die ganze Welt aufessen, aber ich habe keine Zeit,
mir vorzustellen, was man dann für eine Siesta benötigen würde.
Ich esse immer zu unmöglichen Zeiten. Außerdem esse ich viel
Brot, viel Salz und sehr scharf gewürzt.
Glauben Sie, dass Übermaß zur Weisheit führt?
Es kann ein gewundener und sonderbarer Weg sein. Überdruss löst
selbstverständlich Magensäure aus. Das ist ungesund und das
treibt mich dann zu Übertreibungen. Der Krieg ist der Vater aller
Dinge. Der Kampf zwischen den Farben und den Gefühlen erzeugt sowohl
gute als auch schlechte Filme, aber er hält wenigstens die langweiligen
fern. Andererseits führt der Weg der Mäßigung nur ins
Badezimmer. Es ist eine Tatsache, dass ich nicht viel von dem glaube,
was ich selbst sage. Diese Behauptung habe ich sicher mal zwei, drei Leuten
erzählt, nie aber meiner Mutter.
Nehmen Sie sich denn nie ernst?
Das Problem ist vielmehr, dass ich alles viel zu ernst nehme. Ich habe
vor allem Angst und mich ekelt auch vor allem. So wie es einem in Las
Vegas ergeht. Angesichts dieses Abgrundes gibt es für mich nur einen
Ausweg, um der Realität ins Auge zu sehen: die Komödie. Ich
habe einen so starken Horror und eine so unglaubliche Panik vor den Dingen
und Menschen, dass ich dies nur verbergen kann, wenn ich lache, mich diskret
umdrehe und mit den Wimpern blinzele.
Glauben Sie, dass dieser Film anders ist als die anderen?
Er ist in dem Maße anders, wie ich mich verändert habe. Ich
weiß nicht, ob das die Antwort auf die Frage ist.
Absolut nicht.
Die Zeit vergeht und bringt Langeweile, Haarausfall, Übergewicht
und vielleicht auch einen gewissen Gemütszustand mit sich, der vorteilhaft
für die künstlerische Arbeit sein kann. Wenn man dann bei den
Dreharbeiten ist, muss man sich mit unterschiedlichsten Problemen auseinandersetzen:
Ein schwerwiegendes Problem ist die mangelnde Kreativität. Einige
kompensieren dies durch Phantasie und viel Frechheit. Das ist zwar unwürdig,
aber sehr wirkungsvoll. Wenn man hart arbeitet und genau weiß, wie
man eine bunte Schaufel und einen Plastikeimer einsetzen kann, dann kann
aus einer Sandburg eine regelrechte Zementfestung werden. Ich möchte
damit aber nicht sagen, dass dies bei mir der Fall ist. War ich deutlich
genug?
Das mit der bunten Schaufel habe ich nicht richtig verstanden.
Egal. Es ist ein fabelhafter Film, mein Herr, und die Schauspieler ebenso.
Es gibt nichts mehr dazu zu sagen.
Wie immer schwebt Álex de la Iglesia knapp über der Oberfläche,
ohne den Kernpunkt der Fragen zu beantworten, die er selber aufgeworfen
hat.
In letzter Zeit schwebe ich nicht oft.
Allerdings. Lassen Sie uns in die Tiefe gehen: Glauben Sie, dass Ihren
Filmen das Gewicht fehlt, das Sie im wirklichen Leben im Überfluß
haben?
Ich freue mich über Ihre gemeine Frage, lieber Freund. Gewiss scheint
mir Dreyer ein großartiger Regisseur zu sein und glücklicherweise
hat Dreyer seine Filme selbst gedreht, nicht ich. Stellen Sie sich vor:
Álex Angulo mit seiner Baskenmütze verdirbt die strenge Metaphysik
des Filmes Das Wort. Ich denke, jeder von uns muss seine Grenzen kennen.
Diese sollten mit Muskeln bearbeitet werden, nicht mit Speck, wie das
bei einigen der Fall ist...
Sie meinen wohl nicht mich?
Nein, ich sag’s einfach nur so.
Aha.
Glauben Sie, dass die Zerstreuung von Sünden befreit?
Ja. Ich verstehe Zerstreuung als moralisches Ziel, ebenso wie Preston
Sturges, wenn Sie mich schon fragen.
Das hört sich ziemlich pedantisch an.
Stimmt. Es war ein jesuitischer Anfall. Entschuldigung.
Wenn wir schon von Anfällen sprechen: Es gibt Leute, die Sie für
frauenfeindlich halten. Glauben Sie, dass dieser Film mit dem Gerede endlich
Schluß macht?
„Schauen Sie“, wie der Ministerpräsident immer sagt, „schauen Sie,
Frauen kommen bei mir sehr gut weg. Besonders diejenigen, die Strumpfhalter
und seidene Strümpfe tragen. Ab und zu habe ich früher die Zeitschrift
Bondage durchblättert, aber immer mit der Zustimmung meiner Eltern.
Bei ALLEIN UNTER NACHBARN - LA COMUNIDAD aber - denn dafür machen
wir ja dieses Interview und Sie fragen mich überhaupt nichts über
den Film - wird die Hauptrolle von einer Frau gespielt. Von einer starken
Frau, charakterstark und gefühlvoll und...
Ich würde noch hinzufügen...
Fügen Sie ruhig hinzu.
...dass es sich um eine Person handelt, die besser von Frauen als von
Männern verstanden wird.
Das wird sich noch zeigen.
Sie werden es sehen. Und jetzt frage ich Sie, da Sie sich ja für
so schlau halten. Bekümmert es Sie nicht, dass die Leute sagen, Der
Tag der Bestie sei ihr bester Film?
Mein bester Film wird immer mein letzter sein.
Das sagen Sie nur, weil Sie gerade auf Promotion-Tour für ALLEIN
UNTER NACHBARN - LA COMUNIDAD sind.
Und weil es wie eine Aussage von Cary Grant in Nur Engel haben Flügel
klingt.
Mir machen Sie nichts vor. Mir hat Perdita Durango am besten gefallen.
Mir auch. Man ist aber der Meinung, dass der Film zu gewalttätig
ist.
So ist es nun mal. Übrigens, was möchten Sie uns eigentlich
mit ALLEIN UNTER NACHBARN - LA COMUNIDAD erzählen?
Eine nette Geschichte über etwas sehr Trauriges.
Jetzt ähneln Sie einem Stammgast von José Luis Garci.
Sagen Sie nichts Abfälliges über Garci. Ich bewundere ihn sehr.
Das glauben Sie doch selbst nicht!
Ich schwöre es! Ich habe „Solos en la madrugada“ bestimmt 15 mal
gesehen. Und „El crack- Tödliche Rache“? Der ist doch wunderbar!
Sie spinnen! Wo bleibt denn der junge Rebell von „Aktion mutante“?
Sie sprechen ja wie meine Großmutter!
Die beiden Gesprächspartner streiten sich und ziehen sich gegenseitig
an den Barthaaren. Ihre Bäuche bewegen sich wie Luftballons auf dem
Jahrmarkt.
Ein Interview von Álex de la Iglesia mit Álex de la Iglesia.
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