KIRA

Facing the Dogme

"Die Dogma-Regeln beziehen sich einzig auf die Form. Die Regeln für die Qualität muss sich jeder selbst setzen. Aber als Regisseur kann man diese nur aufrecht erhalten, wenn man mit Schauspielern arbeitet, die vollkommen in ihrer Arbeit, in ihren Rollen und im Projekt aufgehen. Mit Stine Stengade und Lars Mikkelsen hatte ich solche Schauspieler."
(Ole Christian Madsen)

In der Nachfolge anderer Dogma-Filme wie Das Fest oder Italienisch für Anfänger stehend, entschied sich Ole Christian Madsen mit seinem Film KIRA für eine andere Herangehensweise - ein Kammerspiel und eine schmerzliche Nahaufnahme einer schwierigen Beziehung. Der Regisseur erzählt Jacob Neiiendam warum.

Der Däne Ole Christian Madsen hatte gerade eben die Dreharbeiten zu seiner 40 Millionen DKK teuren, sechs Stunden dauernden TV-Serie ‚The Spider' für das dänische Fernsehen beendet, als er anfing, das Drehbuch seines ersten Filmes nach den "back-to-basics"-Regeln des Dogma zu schreiben. "Wenn ich mich recht entsinne, sprach mich Bo Ehrhardt (Produzent und Mitbegründer von Nimbus Film) im Februar 1999 auf die Idee an, zu einem Zeitpunkt, als ich noch ‚The Spider' drehte", erinnert sich der 36-jährige Drehbuchautor und Regisseur. Zu diesem Zeitpunkt sorgte der zweite Dogma-Film von Nimbus Film ‚Mifune' von Soren Kragh-Jacobsen für großes Aufsehen in Berlin, wiederholte sozusagen den Cannes-Erfolg von Thomas Vinterbergs Das Fest.

"Ich dachte viel darüber nach, was die anderen Dogma-Brüder für Filme gemacht hatten, und da sie alle Ensemble-Filme gedreht hatten, wollte ich einen Film einzig für zwei Schauspieler schreiben. Niemand von ihnen hatte eine Liebesbeziehung aus der Nähe beleuchtet. Als ich dann anfing zu schreiben, wusste ich zwar, wie die Charaktere sein würden, aber ich hatte keine Geschichte. Ich wusste auch, dass ich mit Stine Stengade und Lars Mikkelsen arbeiten wollte, die schon bei ‚The Spider' dabei waren, weil sie vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen. Also wurde es letztendlich ein Kammerspiel für die beiden." Heraus kam eine Geschichte über die schwierige Beziehung eines erfolgreich verheirateten Paares in den Dreißigern, das für seine Liebe kämpfen muss, als sie, Kira, den Boden unter den Füssen verliert, sich nicht mehr an Regeln hält und Skandale schafft.

"Ich wusste nur, dass es um eine schwierige Liebe gehen sollte und ich arbeitete mich methodisch voran. Ich habe sogar für mich selbst zwei zusätzliche Rollen geschrieben, weil ich lange Szenen haben wollte und versucht habe, in jede Szene viele emotionale Elemente einzubringen. Normalerweise hat eine Szene einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber ich wollte viel mehr als das in einer Szene, so dass der Zuschauer nicht erkennen kann, wie sich eine Szene entwickeln würde." Zwischen einem Film mit einem großem Budget und einer umfangreichen Besetzung - ‚The Spider' - und einem Film mit einem Budget von gerade mal 7 Millionen DKK und einer Handvoll Schauspielern - KIRA - sieht Madsen überraschenderweise kaum einen Unterschied. "Der Unterschied ist eigentlich nicht sehr groß. Wir alle kennen den Umgang mit der Videokamera, mit wenigen Locations und all das, aber das Arbeiten nach den Regeln des Dogma war nicht so viel anders als die Arbeit zu ‚The Spider'. Beim Dreh der TV-Serie galt meine höchste Priorität ebenfalls den Schauspielern, den Proben und so weiter. Der signifikante Unterschied war, dass wir für KIRA die ganze Zeit drehen konnten. Wir drehten jeden Tag von neun Uhr morgens bis fünf Uhr abends, und wir konnten alle Dinge während des Tages in die Szenen einarbeiten. Wenn Sie sich die Aufnahmen eines Tages anschauen, sehen Sie, dass sich Szenen im Laufe des Tages veränderten. Man erkennt eine Entwicklung, was dazu führte, dass wir am Ende hauptsächlich die am Nachmittag gedrehten Szenen verwendeten. Wir haben sehr viel improvisiert, und weil die Textpassagen sehr sparsam waren, hatten wir die Möglichkeit dazu. Es war großartig, so zu arbeiten, aber letztlich verfügten wir über ca. 120 Stunden Material - mehr als jeder andere Dogma-Film zuvor. Wie auch immer, ich habe nie das ganze Material gesichtet, musste ich auch nicht. Hätte ich es getan, wären fünf verschiedene Filme entstanden. Intuitiv wusste ich immer, was ich wollte und habe mich daran auch gehalten. Die Dogma-Regeln beziehen sich einzig auf die Form. Die Regeln für die Qualität muss sich jeder selbst setzen. Aber als Regisseur kann man diese nur aufrecht erhalten, wenn man mit Schauspielern arbeitet, die vollkommen in ihrer Arbeit, in ihren Rollen und im Projekt aufgehen. Mit Stine Stengade und Lars Mikkelsen hatte ich solche Schauspieler."
Die Postproduktion von KIRA dauerte 17 Wochen, was für Madsen, verglichen mit sechs Monaten Postproduktion für ‚The Spider', ein Kinderspiel war. "Ich weiß, dass viele sich mit der Postproduktion im Sinne der Dogma-Regeln schwer tun, aber da gibt es eigentlich nicht viel. Man muss einfach davon überzeugt sein, dass die Stärke in der synchronen Aufnahme von Bild und Ton besteht. Während des Drehs akzeptiert man die Vorgabe, dass, wie im richtigen Leben, Bild und Ton miteinander verbunden sind. Näher kann man an das Reale nicht herankommen. Du musst ein vollkommenes Vertrauen in deine Fähigkeiten haben, wenn du dich dazu entschließt, einen Dogma-Film zu drehen. Als Debütfilm einen Dogma-Film zu drehen, ist falsch und geht vollständig an dem vorbei, worum es eigentlich geht. Für viele ausländische Regisseure scheint Dogma der Weg zu sein, sich ihren ersten Film zu ermöglichen. Aber das war nie die Intention. Alle dänischen Regisseure haben zuvor ihre Fähigkeiten in anderen Filmen bewiesen, bevor sie gewagt haben, sich mit diesen Regeln zu beschäftigen. Man muss sich nämlich absolut darüber klar sein, was man vermeidet und außen vor lässt, wenn man sich auf Dogma einlässt. Ich selbst habe vor allem gelernt, mehr an meine Intuition zu glauben und weiß, dass ich dies mit in mein nächstes Projekt mitnehmen werde: mutiger zu sein im Prozess des konventionellen Filmemachens.

Jacob Neiiendam ist Skandinavien-Korrespondent von Screen International.

Quelle: Trust Film Sales, DK