KAIRO 678

Hintergründe - Interview mit Mohamed Diab

Was veranlasste Sie, einen Film über sexuelle Belästigung zu drehen?
Vor KAIRO 678 schrieb ich vier Drehbücher, die in Ägypten zu Blockbustern wurden. Dann wollte ich etwas drehen, das mir wirklich wichtig war. Vor einigen Jahren hörte ich von der sexuellen Belästigung von Banden. Da fing ich mit der Recherche zu dem Thema an und ich war verblüfft über die wahren Geschichten, die ich erfuhr, und die Sie nun im Film sehen können.

Beruhen alle Charaktere auf wahren Geschichten?
Eine Figur gibt komplett einer echten Geschichte wieder. Über die erste Frau, die gegen sexuelle Belästigung prozessierte. Die beiden anderen basieren auf wahren Begebenheiten. Eine hatten wir so im Drehbuch und während wir drehten, passierte sie tatsächlich. Bei einem großen Fußball-Spiel. Ägypten spielte gegen Algerien. Alle waren auf der Straße. Das Mädchen wurde beim Drehen sexuell belästigt und ohnmächtig – es war schrecklich. Die Schauspielerin wollte dann ein Body Double, weil sie Angst hatte und mittlerweile wissen wir, dass sie damit recht hatte.

Was war Ihre Reaktion darauf?
Ich hatte befürchtet, dass meine Darstellung etwas übertrieben wäre. Aber als das passierte, wusste ich, dass ich komplett richtig liege. Ich ermutigte das Mädchen darin, Anzeige gegen die Täter zu erstatten, aber genau wie im Film wollte das Mädchen das nicht. Sie sagte: „Meine Mutter und mein Vater würden mich davon abhalten und ich könnte nicht mehr in die Schule gehen.“

Auch Frauen, die mit dem Hidschab vollständig verschleiert sind, gehören zu den Opfern. Einer Umfrage zufolge sind mehr als 83 Prozent der Frauen, die sexuell belästigt wurden, gemäßigt bekleidet.
Die meisten ägyptischen Männer glauben, dass sexuelle Belästigung mit der Art der Bekleidung der Frauen zusammenhängt, was überhaupt nicht der Wahrheit entspricht. Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage, heiraten die Männer sehr spät, das Durchschnittsalter liegt bei 35 mittlerweile. In Ägypten gibt es keinen Sex vor der Ehe. Da fehlt natürlich was. So zu leben, wäre für jeden Mann auf der Welt schwierig. Jemandem die Schuld dafür zu geben, ist sehr einfach, und am einfachsten ist es, den Frauen die Schuld dafür zu geben. Die kapitalistische Welt verkauft alles mit Provokationen, mit Sex und Gewalt, und der Sex bezieht sich auf Frauen, das bringt viele Männern zum voreiligen Schluss, dass Frauen belästigt werden wollen. Die meisten der Täter, die ich interviewte, sagten mir „Weißt du, sie wollte das, sie hat das sich selbst so ausgesucht.“

Wie wurde Ihr Film in Ägypten aufgenommen?
Die Reaktion war gemischt, aber er sorgte für eine große Aufregung. Es gab witzige und ironische Reaktionen. In den Kinos machten sich viele Männer zu Beginn des Films erstmal darüber lustig, dann wurden sie immer ruhiger, bis schließlich totale Stille herrschte, und nach dem Film ließen die Männer den Frauen den Vortritt. Das geschah einige Male. Ich bekam viele Anrufe von Frauen „Der Film veränderte mich. Heute habe ich etwas Gutes getan. Ich habe den Mann, der mich belästigte, erwischt“. Sie erstatten Anzeige. Ich machte diesen Film, weil ich daran glaubte und ich glaubte, dass ich damit, im Kleinen, etwas verändern könnte. Und ich glaube, das habe ich geschafft.