INNOCENCE – ERSTE LIEBE - ZWEITE CHANCE

Interview mit Paul Cox

Was veranlasste Sie, von Holland nach Australien zu gehen?

Nun, eine kleine Anzeige in der Zeitung. Ich suchte verzweifelt nach einem Weg, Holland und meine Familie zu verlassen. Ich saß in einem Zug, las die Zeitung und da war sie, die Anzeige: Wer will nach Australien gehen? Sie können dorthin gehen und studieren. Wir zahlen die Überfahrt und Sie brauchen nicht länger als sechs Monate zu bleiben. Ich dachte mir, das wär’s. Und in weniger als drei Wochen fand ich mich auf einem Boot wieder, vollkommen ungerüstet für die große Welt. Ich arbeitete in einem Kameraladen und als Reinigungskraft. Und ich tat einen Haufen anderer Dinge. Nach acht Monaten kehrte ich nach Holland zurück. Aber etwas schlimmes war mir zugestoßen. Wissen Sie, ich hatte mich verliebt. Ich war unsterblich in dieses Mädchen verliebt. Das war der Grund, warum ich nach Australien zurück ging. Ich arbeitete dann im Bergwerk und nach zwei Jahren mit ihr ging ich nach Indien, nach Indonesien und an einige weitere solche Plätze. Ich glaube, alles in allem war ich zwei oder drei Jahre unterwegs.

Wie haben Sie Ihr Geld in dieser Zeit verdient?

Ich hatte einige Kontakte zu Zeitschriften und so verkaufte ich Fotografien. Ich lebte wie ein Mönch, ein Mönch auf Reisen. Ich durchquerte Bali zu Fuß, wenn Sie verstehen, was ich meine. Da waren einige verrückte Dinge, die wir in dieser Zeit taten. Hernach kam ich nach Australien zurück und wurde Lehrer an einer Kunstakademie. Aber ich machte immer schon diese kleinen Filme nebenher. Ich zeigte sie meinen Freunden und packte sie dann weg. Sobald ich etwas mehr Geld hatte wurden die Filme aufwendiger. Und dann baute die Akademie einen Bereich Film auf. Und da sie keinen Lehrer hatten, baten sie mich. So lehrte ich Film und lernte selbst, indem ich unterrichtete.
Mein nächstes Projekt war „We Are All Alone My Dear“, ein Dokumentarfilm über eine feinsinnige und sehr lebendige Frau, die quasi wie eine Gefangene in diesem Altersheim lebte. Sie war wirklich brillant. Ich machte auch einen Film, der „The Journey“ hieß. Alles gedreht auf 16mm, circa eine Stunde lang. Es war ein guter Film, basierend auf Gedichten und lauter solchem Zeugs. Ich war ein zwanghafter Filmemacher. Es war ein Hobby. Und ich denke immer noch, wenn man etwas wirklich ernsthaft will, dann sollte man es als Hobby tun.
Als ich dann endlich verstand, worum es im Film geht und ich anfing, meine eigenen Spielfilme zu machen, konnte ich nicht verstehen, warum ein Produzent und ein Regisseur einen Vertrag brauchten. Aber als ich dann „Lonely Hearts“ drehte, war es eine schmerzhafte Erfahrung, denn er wurde produziert. Da verstand ich alles. Und ich schwor mir, dass nie wieder einer meiner Filme von jemand anderem produziert wird. Bei „Man Of Flowers“ war alles ganz anders. Wir drehten ihn mit $240.000 in drei Wochen.

Was gab den Anstoß zu Filmen wie „Lonely Hearts“ und „Man Of Flowers“? Sie erscheinen sehr persönlich. Was ist ihre Philosophie?

Nun, ich denke, alles, was man mit seinem Herzen und seiner Seele macht, ist in gewisser Weise ein Selbstporträt, oder nicht? Ich meine, ich interessiere mich für die kleinen Leute, für jeden, der vorbeiläuft. Mich interessieren keine Stars und all dieser Unsinn. Ich finde es sehr interessiert, Menschen zuzuschauen, die niemand kennt. Denn im kleinen Leben befinden sich alle Tiefen und Höhen. Jeder hat diese tiefen, schwarzen Abgründe, von denen sonst niemand weiß. Eigentlich interessieren mich diese stillen Momente zwischen ihren Worten und dem, was in ihnen vorgeht. Ich finde das ziemlich aufregend.

In dieser Zeit haben Sie Ihre Visionen ausgelebt und umgesetzt und Menschen überall auf der Welt haben darauf reagiert. Es muß doch ein bestärkendes Gefühl gewesen sein, nach „Lonely Hearts“ und „Man Of Flowers“ mit „My First Wife“ weitergemacht zu haben.

Naja, es zwängt einen auch ein, denn auf einmal war ich zu erfolgreich. Der Druck nahm zu und wurde sehr einengend. Für mich war das ein Schock. So ist es mir ein paar Mal ergangen. Vor vier Jahren war ich quasi bankrott und ich dachte, ich würde nie wieder einen Film drehen können.

In den frühen 90ern führten Sie Regie für „Exile“ und „The Nun and the Bandit“, zwei kleineren Kammerspielen in Melbourne. Es waren spirituelle Filme. Was brachte Sie dazu, sie zu drehen?

Ich denke, ich hatte so eine Art religiösen Zusammenbruch. Es geschah hier in Kanada, als ich John Raulston Saul’s Buch „Voltaire’s Bastards“ kaufte. Es hatte einen unglaublichen Einfluß auf mich, denn er schrieb, wir hätten Gott getötet und durch uns selbst ersetzt. Und als ich nach Australien zurückkam, war es fast ein Zwang, einen religiösen Film zu machen. Es gab mehrere Gründe dafür. Alles in allem war ich ziemlich erfolgreich, hatte eine Menge in meine Filme eingebracht und irgendwie versorgte man mich immer mit ausreichend Tinte zum Schreiben. Ich war sehr glücklich. Aber auf einmal hatte ich diese Idee, wir müssten alles auf die grundlegenden Elemente, die Minimal-Situation reduzieren und darin Gott verehren. Aber ich hatte keinen Aufhänger dafür, bis ich dem Schriftsteller Graham Watson begegnete. Seine Bücher sind außergewöhnlich und so kam es zu diesen Filmen.

Seit „Molokai“ haben Sie einen weiteren Film, INNOCENCE, gedreht. Es geht in diesem Film um die Liebegeschichte eines 70-jährigen Paares. War dies eine noch spirituellere Reise für Sie?

Absolut. INNOCENCE zu drehen war eine sehr religiöse Erfahrung. Film ist das größte Geschenk dieses Jahrhunderts an uns alle. Wenn man sich die Kraft vergegenwärtigt, die Filme besitzen, und ansieht, was Menschen in einen Film einbringen können, das ist so überwältigend, dass es fast einem Kirchengang gleichkommt.
Als wir INNOCENCE schnitten, war ich ganz vernarrt in das Schauspiel von Julia Blake. Zum Ende des Filmes behielten wir eine lange Einstellung auf ihr Gesicht. Sie sitzt dort ganz ruhig und langsam kommen die Tränen. Das ist ein unglaublich kraftvoller Moment.

Ihre Liebe zum künstlerischen Film ist in vielen Ihrer Filme erkennbar. INNOCENCE erinnert mich in seiner Betrachtung älterer Menschen an einen anderen Ihrer Filme, „A Woman’s Tale“, in dem eine ältere Frau mit dem Tod konfrontiert ist. Gab es ästhetische Aspekte, die Sie in diesem Film ausdrücken wollten?

Bei „A Woman’s Tale“ dachte ich, zum Teufel mit meinem kunstvollen Kino. Das hat nichts miteinander zu tun. Hier geht es um eine große Frau, Sheila Florence, und wir müssen sie feiern, ihr die Ehre erweisen. Ich machte diesen Film für sie. Für mich war es ein großer Liebesbeweis, diesen Film zu drehen.

Ich habe Sie immer als romantischen Menschen gesehen. Erkennen Sie sich darin wieder?

Wenn es um Perfektion geht, dann liegen Sie richtig. Ein Romantiker versucht ja immer, perfekt zu sein. Ich war aber nie perfekt, bin also gescheitert. Aber letztlich, selbst wenn ich über viele Dinge verbittert bin und mich von der Welt zurückgezogen habe, tief in meinem Inneren muß ich an etwas glauben. Denn sonst würden wir aufhören zu existieren.

Sie könnten die Menschen, die Protagonisten, mit denen Sie so viel Zeit verbringen, nicht so lieben, wenn Sie kein Romantiker sind.

Das stimmt. Außerdem könnte ich nie physische Gewalt auf der Leinwand schaffen. „Man Of Flowers“ zeigte den erstaunlichsten Tod, den man sich vorstellen kann. Es gibt genügend Gewalt um mich herum, da brauche ich mich nicht noch daran beteiligen. Es ist sicherlich ein friedfertiges Kino und ich bin der Meinung, dass diese Art von Filmen ihren Platz haben, denn sie sind wichtig. Wichtig, weil sie menschlich sind. Sie versuchen, ein Stück Menschlichkeit auf die Leinwand zurückzubringen.

Sind Sie in letzter Zeit sehr beschäftigt? Haben Sie neue Projekte?

Ja, die Finanzierung für das Nijinsky-Projekt steht.

Werden Sie mit Nijinsky den Wahnsinn erforschen?

Oh ja, gleichwohl habe ich große Zweifel daran, ob er je verrückt war bzw. verrückt wurde. ‚Mein Wahnsinn ist meine Liebe für die Menschheit’, das ist Nijinskys Leitmotiv. Und ich denke: Schauen Sie sich die Welt an. Das ist krank. Schauen Sie sich alles an, schauen Sie sich die Filme an. Es ist eklatant krankhaft, was wir immer noch für normal halten. Dabei ist es nicht normal. Wir alle wissen im tiefsten Inneren, dass es nicht normal ist. Etwas ist falsch an dem Ganzen. Aus diesem Grunde denke ich, dass dieser Mann nicht verrückt war. Mehr noch, er schrieb eines der schönsten Bücher, das je geschrieben wurde.

Auszug aus einem Interview, erschienen in der kanadischen Zeitschrift „Montage“, Sommer 2000, S. 15-18. Das Interview führten Tom McSorley und Marc Glassman. McSorley ist Leiter des Kanadischen Filminstituts und Redakteur des „Take One Magazines“.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Weitere Informationen unter www.dgcmontage.com