HOLY MOTORS

Regie

LEOS CARAX

Filmografie als Regisseur:

1984 - Boy meets GirL
1986 - Die Nacht ist jung (Mauvais Sang)
1991 - Die Liebenden von Pont-Neuf
1999 - Pola X
2008 - Tokyo ! (mit Michel Gondry & Bong Joon-ho)
2012 - Holy Motors

als Schauspieler:

1987 - King Lear von Jean-Luc godard
1988 - Les ministères de l'art von Philippe Garrel
1997 - The House von Sarunas Bartas
2007 - Mister Lonely von Harmony Korine
2012 - Holy Motors von Leos Carax


Ausschnitte aus einem Email-Interview mit JEAN-MICHEL FRODON

Sie treten zu Beginn des Filmes in einer Art Prolog auf, die, präziser und literarischer formuliert, eine Ouvertüre ist. Woher kam die Idee, physisch auf der Leinwand zu erscheinen?
Leos Carax: Zuerst hatte ich dieses Bild eines großen, vollbesetzen und für eine Filmvorführung verdunkelten Kinosaales im Kopf. Aber die Zuschauer sind komplett erstarrt, und ihre Augen scheinen geschlossen zu sein. Sind sie eingeschlafen? Tot?
Das Kinopublikum von vorne aus betrachtet – das sieht normalerweise niemand (außer in der außergewöhnlichen Schlußaufnahme von „The Crowd“ von King Vidor).
Dann zeigte mir meine Freundin Katia eine von Hoffmanns Erzählungen. Der Held entdeckt, dass in seinem Schlafzimmer eine geheime Tür zu einem Opernhaus führt. Wie in diesem Satz von Kafka, der als Präambel zu jedem kreativen Akt gelten könnte:
„ Da gibt es eine Tür in meiner Wohnung, die ich bisher niemals bemerkte.“
So beschloss ich, den Film mit einem Schlafenden zu beginnen, der mitten in der Nacht aufwacht und sich in seinem Pyjama in einem riesigen Kino voller Geister wiederfindet. Instinktiv nannte ich diesen Mann, den Träumer im Film, Leos Carax. Und so spielte ich ihn.

Welche Rolle spielte „Merde“, ihr Beitrag zum Film „Tokyo!“, bei der Entwicklung von HOLY MOTORS, in dem die Figur „Merde“ einer von Denis Lavants Avataren (falls das die richtige Bezeichnung dafür ist) ist?
Leos Carax: HOLY MOTORS ist aus meiner Unfähigkeit geboren, verschiedene Projekte, die alle in unterschiedlichen Ländern und verschiedenen Sprachen spielen sollten, zu realisieren. Alle hatten dieselben zwei Hindernisse: Geld und Besetzung. Da ich es satt hatte, nicht drehen zu können, ließ ich mich von den Erfahrungen mit „Merde“, der eine japanische Auftragsproduktion war, inspirieren. Ich beauftragte mich selbst, unter denselben Bedingungen ein Projekt umzusetzen, aber in Frankreich: schnell ausgedacht, mit einem bereits ausgewählten Schauspieler und nicht zu teuer.
All das wurde durch die digitalen Kamera möglich, die ich verachte (da sie sich aufdrängen oder uns aufgedrängt werden), die aber allerseits eine große Sicherheit vermitteln. Die Vorstellung von Motoren, von der Motorisierung und der Bedeutung der Maschinen wird klar durch den Titel ausgedrückt und ist eines der unterschwelligen Themen des Films.

Was ist die ursprüngliche Idee des Projekts, oder nahm es erst nach und nach Gestalt an?
Leos Carax: Es gibt nie eine Ausgangsidee oder Absicht bei einem meiner Filme, nur zwei, drei Bilder oder Gefühle, und die füge ich zusammen.
Für HOLY MOTORS hatte ich unter anderem das Bild dieser Stretchlimousinen im Kopf, die in den letzten Jahren aufgetaucht sind. Ich sah sie zuerst in Amerika und mittlerweile in Paris in meinem Viertel, jeden Sonntag für chinesische Hochzeiten. Sie passen vorzüglich in unsere Zeit – protzig und geschmacklos. Von außen sehen sie gut aus, aber im Innern fühlt man dieselbe Traurigkeit wie in einem Stundenhotel. Trotzdem berühren sie etwas in mir. Sie sind veraltet, wie alte Science-Fiction-Spiele. Ich glaube, sie markieren das Ende einer Epoche, wie die großen, sichtbaren Maschinen.
Sehr schnell wurden diese Autos das Kernstück des Films – sein Motor, wenn ich das so sagen kann. Für mich sind sie wie lange Gefäße, die Menschen auf ihren letzten Reisen transportieren, bei ihren letzten Aufgaben.
Der Film ist also so eine Art Science Fiction, in dem Menschen, Tiere und Maschinen vom Aussterben bedroht sind – „heilige Motoren“, die durch ein gemeinsames Schicksal verbunden sind, Sklaven einer zunehmend virtuellen Welt. Eine Welt, aus der die sichtbaren Motoren, gelebte Erfahrungen und echte Aktionen allmählich verschwinden.

„Ich bezeichne Erfahrung als eine Reise an das Ende des Menschenmöglichen.“
Georges Bataille