The
Five Obstructions
Manifest von Lars von Trier
Entschärfen
Wir sind auf der Suche nach einer fiktionellen Sache, nicht nach einer
faktischen. Die Fiktion ist begrenzt durch unsere Imagination und die
Tatsachen durch unseren Scharfblick, der Teil der Welt, den wir suchen
kann nicht von einer "Geschichte" umgeben sein, man nähert
sich ihm nicht durch einen "Blickwinkel".
Das Thema, das wir suchen, findet sich in derselben Realität, die
auch Fiktionsmacher inspiriert. Das ist die Realität, die die Journalisten
zu beschreiben glauben. Aber sie schaffen es nicht, dieses kaum bekannte
Thema zu finden, da ihre Technik sie verblendet. Es ist tatsächlich
so, dass sie es gar nicht mehr suchen, da ihre Techniken zu einem Ziel
per se geworden sind.
Wenn man eine Geschichte oder à fortiori ein Argument entdeckt
oder sucht, dann beseitigt man diese Geschichte. Um das zu machen genügt
es, den Schwerpunkt auf eine simple Regelmäßigkeit zu legen,
eine reale oder künstliche, oder der Welt ein Bilderrätsel vorzulegen,
bei dem die Lösung schon vorher bestimmt wurde.
Die Geschichte, das Argument, die Enthüllung und die Empfindung haben
uns das Thema gestohlen: den Rest der Welt, der nicht so leicht zu übertragen
ist, aber ohne den wir nicht leben können!
Der Feind, das ist die Geschichte. Das Thema allen Anstands zum Trotz.
Aber es ist auch eine Tatsache, dass die Bedeutung eines Arguments angeblich
der Bewertung der Betrachter unterworfen ist, enorm verstärkt durch
den Blickwinkel und die Tatsachen, gegengewichtet durch ihre Antithesen.
Das ist die Verehrung des Umrisses, der Kontur, allmächtig, auf Kosten
des Themas, von dem sie kommt.
Das Thema, das vielleicht der wahre Schatz des Lebens ist, hat sich vor
unseren Augen in Luft aufgelöst.
Wie es wiederfinden? Wie es übertragen, wie beschreiben? Das ist
die letzte Herausforderung: zu sehen ohne hinzuschauen, unscharf machen!
In einer Welt, in der sich die Medien vor dem Altar der Sauberkeit verneigen
und das Leben von allem Leben entleeren, wird der Unscharfmacher zum Kommunikateur
unserer Zeit - nicht mehr und nicht weniger!
Lars von Trier - Rageleje, 22. März 2000
Manifest von Jørgen Leth
Der Moment kommt
Das, was ich an einem Film vorziehe, ist es zu spüren, wie die Zeit
über eine Szene fließt. Es muß dort immer einen Platz
für die Zeit geben. Ein Film muß natürlich atmen. Wenn
man hinausgeht, stellt man der Realität eine Falle, derart, dass
man versucht, sie an den Geisteszustand anzupassen, auf den man vorbereitet
ist. Man ist entspannt, aufmerksam, nicht eingespannt. Die Sachen passieren,
wenn sie passieren. Wir sind genauso schlau und dumm wie die Fische. Man
kann ausgehen, wann man möchte, in jedwede Richtung, und manchmal
stolpert man über einen magischen Moment. Das ist es, was man sucht,
aber man sollte nicht zu gourmethaft oder sich seiner selbst zu sicher
sein. Die Erfahrung sagt uns, dass es diese Momente gibt. Bei unserer
Arbeit ist man mit seinen Instinkten ausgerüstet, mit seinen Augen
und Ohren. Man konzentriert sich eher auf den leeren Raum als auf den
vollen. Man beobachtet die Stille und den Lärm. Man vertraut den
unbegrenzten Geschenken des Zufalls. Und dennoch ist der Ort, an dem man
sich findet, nicht notwendigerweise die Frucht des Zufalls. Der Augenblick
taucht so unvermittelt auf, dass man nicht über seine Erscheinung
überrascht ist. Jetzt geht's los. Man ist bereit, ihn einzufangen
und zu akzeptieren. Man weiß nicht, wohin er uns mitnehmen wird.
Man folgt der Strömung, man betrachtet, wohin sie geht und was sie
mit uns machen will. Man beobachtet sie während sie Formen annimmt
und sich zusammensetzt, aber man muß sie fangen noch während
sie fließt, bevor sie zu stark definiert ist. Man ist verliebt.
Ein Gefühl hat uns gefangen, das man während des oberflächlichen
Aufenthalts wahrzunehmen versucht, aber das man zu verlieren fürchtet,
wenn man es zu gut versteht.
Jørgen Leth - Paris, 11. April 2000
Die Gedichte
Während der drei Jahre dauernden Produktion trafen sich Lars
von Trier und Jørgen Leth insgesamt fünf Mal. von Trier bat
Leth, nach jedem Treffen ein Gedicht zu schreiben, dass das Wesen des
Tages einfangen würde.
1 Ein Nachmittagsgedicht für Lars
Jetzt ist mein Rücken gestärkt & es ist gut.
Der Müll draußen sieht auch gut aus.
Bretter mit Nägeln
Infiltriert von Zweigen, die zufällig gefallen sind,
Einigen lockeren Worten
vom Durchgang in den Raum.
Unterdrücktes Gespräch über "Kuba",
Was wir tun möchten
Mit dem, was wir haben oder nicht haben?
"Kannst Du das nicht tun?"
So hört sich die Frage an,
Die ich nicht beantworten kann
Draußen über dem marmorierten polierten Holz
Flogen vor einer Weile, vor einer ganzen Weile
Worte hin & her und landeten in dem braunen Buch.
& jetzt kommt Chet Baker mit seinen verspäteten
Sätzen, legt sich wie ein Schleier
Über unseren ziemlich geheimen Plan.
Das leere Zimmer, der Nebel draußen,
die ausgelöschten Gebäude & Landschaften.
Beendet.
2 Donnerstag, 21. März 2002
Erdhaufen, dünne Äste, blasse Sonne
Wir einigen uns darauf, dass Schwächen existieren,
Wie sie orten?
Dagewesen zu sein & nach einer Weile verschwinden.
Müll häuft sich an. Die Vorhänge sind gezogen.
Geöffnet. Nun endlich allein.
Der Kontakt zieht einige Linien nach sich.
Ich schaue mich um & mache Notizen
Das bereits verwandte Übereinkommen,
Der ungegessene Käse, der ungeöffnete Wein
Von dem ich noch nicht einmal einen Blick erhaschen kann.
Es ist okay. Ich denke mich weg,
Nähere mich weit entfernten Grenzen,
Versuche mich in unmögliche Situationen
Zu versetzen. Mein eigener Richter zu sein.
Kaviar, Wodka & den anderen in die
Augen sehen. Es hat schnell, sehr
Schnell zu einem steilen Abhang geführt.
Wie weit kann ich gehen?
Ich höre das Summen des Computers.
Ich kann das Brummen meines Schädels spüren.
Fertig werden. & bereit zu gehen.
3 Freiheit gebrauchen
Ja, es ist erlaubt, den Stoff zu überdenken
Den ich nicht kenne
Entweder tun, was gesagt wurde
Oder zeigen, wie schlau man ist
Dann vielleicht
Kann man Freiheit benutzen, etwas auszuleeren,
Das nützlich sein könnte.
Was ich weiß
Dieses Mal keine Gelegenheit
Zum Märtyrer zu werden
Das ist hart
Kaviar auf meinem trockenen Brot
Eilige Schritte auf dem Boden
Kästen werden verschoben
Dinge enthaltend
Draußen vor der Tür
Die sanften Bewegungen von Zweigen
Es ist die übliche Sicht
Es kann immer benutzt werden
Es hat immer etwas
Es hat so ein Nichts
Was gut ist.
In einigen Momenten wird das vorbei sein
Das ist traurig
Ins Taxi einsteigen
Wegfahren
Alles einwärts fallen
In das schwindelige Loch
Alles dreht sich um Kontinuierung
Veränderungen der Szene
Morgen
Das Komma setzen
4 Vollständig kühl
Hast du ein Programm?
Nein. Aber jetzt habe ich eins.
Die Tür öffnet sich hinaus auf die Gegend.
Die Tür, was ist das?
Die Tür ist geschlossen, bleibt geschlossen.
Sie ist Teil der Mauer
Die Tür ist offen. Sie ist ein Ausgang.
Die Tür ist ein Block oder eine Passage.
Beinhaltet das etwas Katastrophales?
Menschen-gemachte Tiere.
Das ist nicht gut.
Das mag ich nicht.
Das versuche ich zu vermeiden
"Wegen eines ehrlichen Herzens".
Das wäre wahrscheinlich nicht eingefügt worden
Wenn es eine weiße Wand gegeben hätte. Durchschneidend.
Transparenz.
Umrahmen.
Linien, das ist schlecht.
Eine Linie ist schlechter
Als die andere.
Sie plaudern, sie packen
Sie gehen rein, um etwas anzuordnen
Etwas neben ihnen
Jetzt kommt das Licht durch die Tür rein
Die geöffnet ist
Jemand trocknet seine Füße an der Matte ab.
& kommt durch die Tür herein.
Sie reden über das Tönen
Sie sprechen mit sanften Stimmen
Aus Respekt vor dem Autor
Sie sprechen draußen lauter.
5 Ein tropisches Nachmittagsgedicht
Ich habe in meinem Garten gesessen
Umgeben von Grand Brigitte & Baron Samedi
Habe einen Rum sur glace getrunken, cinq etoiles
- es war früh, aber notwendig
Nun bin ich an meinem Tisch
Unten in meinem Lager, dem hinteren Teil des Hauses,
Mit der eisernen Tür hinter mir
Höre ich die Geräusche der Rue de Commerce,
Stimmen in der detaillierten Akustik der Straße,
Motorrad-Taxis, & so ein kleines Brummen
Stille für einige Momente, genau den Augenblick.
Ich habe den Ventilator an der Decke nicht angestellt,
Ich werde schwitzen
Die Tropfen fallen von meinen Achseln,
Von meinen Augenbrauen, ich rieche an meiner Hand,
Das ist das einzige poetische Grüßen an einen Behinderer,
Faszinierend zwischen Hand, Fuß und einer Brücke zwischen
Den beiden Medien. Das physische, das animalische,
Den eigenen Körpergeruch, Ich liebe
Es in den Tropen zu sein.
Madame Nerva kommt mit ihrem weißen Umhang heraus
Mit ihren verschrumpelten Brüsten
Die frei hängen & ein großes silbernes Schmuckstück
Lars von Trier anbietend zu "oungan"
Für 5000 Dollar.
Sie zeigte uns den geheimen, innersten Raum.
Ich schaue nach links
Durch die dicke Mauer von Bananenblättern
Die sich langsam auf eine faule Art bewegen,
Das außergewöhnliche Schiff in der Vitrine
Der verlassene Rückstrahler scheint
& ich höre das sanfte Klacken von Eiswürfeln
& weit draußen im Garten sehe ich den unteren Teil
Der Danneborg Fahnen herunterhängen, sich bewegen
Eher blaß vor den leuchtenden Mangoblättern.
Ich höre die Geräusche des Meeres nicht,
Der Nachmittag ist gelassen, sanfte Geräusche
Von langsamen trivialen Aktivitäten, Worten
Die plötzlich auf die Tastatur fallen, dann vorwärts laufen
Hin zu einem finalen Ende, das hier ist, Punkt.
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