Die Farbe der Milch

Produktionsnotizen - Interview mit Torun Lian

Jan Erik Holst, Leiter der internationalen Abteilung des Norwegischen Filminstituts interviewt die Regisseurin Torun Lian.

Torun Lian, Sie haben einen eigenen Filmstil entwickelt, in dem Sie den manchmal schmerzhaften Übergang junger Mädchen von der Kindheit zur jungen Erwachsenen beschreiben. Woher bekommen Sie ihr Material? Von Freunden oder von Ihnen selbst?
Das Material selbst kommt nicht wirklich von mir. Ich ziehe es an, oder finde es eher, bzw. noch präziser, ich nehme es einfach wahr. Und ich bin nicht die erste. Das ist nichts Neues. Ich mache dasselbe, was tausende anderer Schriftsteller schon vor mir getan haben. Ich bin am schreiben, und im Laufe dieses Prozesses wird einfach immer deutlicher, dass ich nur alte Mythen neu schreibe mit denselben Archetypen, aber eben noch einmal. Äußerlich entziehe ich die Geschichten dem, was mich umgibt, aber eigentlich lasse ich mich nur auf Archetypen und Mythen ein. Ich nutze sie, oder sie gebrauchen mich, ich denke, dass ist das, was mich zur Schriftstellerin macht.

In Ihren Erzählungen macht die Reise die Geschichte aus, die Sie aus einem klassischen Konflikt-Lösung-Modell entwickeln. Deshalb hinterlassen Ihre Filme einen bleibenden Eindruck.
Ich denke, das mythische Material ist der Grund dafür, dass sie eine dauerhafte Bedeutung haben. Eine Bedeutung über den Moment hinaus. Je näher man den wesentlichen menschlichen Geschichten kommt, umso länger bleiben sie haften. Märchen z.B. sind einfach, aber sie sind zu allen Zeiten gültig. Immer und immer wieder.

Sowohl "Straight from the Heart" als auch "Die Farbe der Milch" basieren auf Ihren eigenen Büchern. Warum gehen Sie so vor?
Ich empfinde das als ganz natürlich. Ich bin Schriftstellerin und ich möchte Geschichten schreiben. Wenn sie sich als von so guter Qualität herausstellen, um zu einem Film umgearbeitet zu werden, fange ich wieder von vorne an. Ich "schreibe" sie nochmals - dieses Mal als Film. Aber beim Schreiben ist mir gar nicht bewusst, dass sie mal Filme werden. Die Farbe der Milch war ursprünglich eine Kurzgeschichte, die im 8. Jahrhundert vor Christus angesiedelt war. Damals wurde den jungen Mädchen zu ihrer Hochzeit ein Leichentuch geschenkt, weil so viele von ihnen während der Geburt ihres Kindes starben. Zu lieben hat ihr Leben tatsächlich gefährdet. Ich habe darin ein äußerliches Bild für eine ganz wesentliche Wahrheit über die Menschen gesehen. Eine mythische Wahrheit. Die Wahrheit, die mit der Angst, sich jemandem hinzugeben zusammenhängt, und dem Kummer, der die befällt, die das zu tun versäumen. Ein richtiges Paradox. Ich glaube, Mythen sind auf solchen offensichtlich unlösbaren Widersprüchen aufgebaut. Das ist das Zeug, aus dem man Geschichten schreibt.

Aber es wurde dann gar kein Film aus dem 8. Jahrhundert vor Christus?
Nein, das wäre zu teuer geworden. Die finanziellen Voraussetzungen lassen für solche Art Filme im heutigen Norwegen nicht genug Möglichkeiten. Es gibt begrenzte Mittel, die für eine Vielzahl von Filmen reichen müssen.

Das bringt mich zur Frage nach Ihrer neuen Stelle als Spielfilmberaterin beim Norwegischen Film Fund. Was machte diese Position für Sie so attraktiv, wenn Sie selber so eine gute Autorin und Filmemacherin sind?
Geschichten faszinieren mich einfach, auch die von anderen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, in solch einer Position mit dem Geschichtenerzählen zu tun zu haben. Außerdem hatte ich nach drei Jahren harter Arbeit mit meinen eigenen Filmen Freude an der Vorstellung, einen Job mit festgelegten Arbeitszeiten und einem Gehalt zu haben. Es war zu verlockend, diesen quälenden Zustand aufzuschieben, in den ich falle, wenn ich etwas schreiben oder entwickeln muss, das evtl. zu einem Buch oder einem Film wird.

Können Sie denn auf dieser Stelle nach Geschichten suchen?
Ich bin natürlich von dem abhängig, was die Produzenten vorschlagen. Aber ich werde sicher nach dem Material inne liegenden Geschichten suchen, in dem Sinn, dass ich die Projekte auswählen werde, die gefördert werden oder finanzielle Unterstützung für ihre Weiterentwicklung bekommen sollen.

In der Vergangenheit kamen die Filmberater immer aus der Produktion. Derzeit besetzen drei Autoren diese Positionen - bedeutet das, dass die Filme anders werden?
Das könnte diese Bedeutung haben. Aber auf jeden Fall suchen wir nach guten Geschichten. Vielleicht sind Autoren für diese Art von Arbeit sehr gut qualifiziert. Wer auch immer die Bewertung leisten soll, die Aufgabe wird immer sein, die guten von den schlechten zu unterscheiden.

Was halten Sie davon, dass Ihre Filme als Kinderfilme bezeichnet werden? Klassifiziert sie das nicht als irgendwie weniger wertvolle Filme?
Das habe ich auch schon beobachtet. Familienfilm könnte eine bessere Beschreibung meiner Filme sein, oder "Entwicklungsfilme". Ich finde, es sind Filme für jedermann. Ich weiß, dass das in unserer segmentierten Kultur zu vage ist, aber das ist mir egal. Die Abwertung, die man mit einem "Kinderfilm" erfährt, kümmert mich nicht sonderlich viel. Viele wollen diese Einschätzung beibehalten: Bürokraten, Festivalleute, das Personal der Schulen, Makler... Wahrscheinlich viel mehr Leute, als letztlich tatsächlich Kinderfilme machen.
Wahrscheinlich ist am wichtigsten, dass die von uns, die Filme für Kinder und Jugendliche machen, diese Aufgabe ernsthaft ausführen und uns von ihr herausfordern lassen, nicht nur bezüglich kommerzieller Parameter sondern auch künstlerisch gesehen. Nur das wird dazu führen, dass wir den Stellenwert von Kinderfilmen verteidigen und hoffentlich verbessern.