DER WIND

Anmerkungen des Regisseurs

"Für Der Wind habe ich am längsten gebraucht: 64 Jahre.
Mein ganzes Leben schreibe ich schon an dem Buch, das von Identität, Schuld, Gerechtigkeit, Liebe und vor allem dem Schmerz über den Verlust der Mutter handelt.
Deshalb war es noch nie so leicht, das Drehbuch zu schreiben und an dem Projekt zu arbeiten und es zu Ende zu bringen. Technisch gesehen habe ich für Der Wind alles gedreht, was ich geschrieben hatte, und alles geschnitten, was wir gedreht hatten, ohne eine einzige Szene hinzuzufügen oder zu schneiden - so einfach war das. Der erste Rohschnitt dauerte 93 Minuten - und das ist die Länge, die der Film letztlich tatsächlich hat.
Von Anfang an habe ich mir auch vorgestellt, wie Federico Luppi und Antonella Costa als "Frank" bzw. "Alina" ihre Rollen spielen würden: menschlich, unversöhnlich und meisterhaft - eben so, wie sie dann auch tatsächlich gespielt haben. Das Leben und in diesem Fall das Kino hält immer wieder erstaunliche Umstände bereit - manchmal, aber nur manchmal bekommt man im Beruf zurück, was man sich mit der Seele erträumt hatte. Auch wenn ich schon immer beim Filmen glücklich war, so habe ich mit Der Wind das Glück in Händen gehalten."
Eduardo Mignogna


Interview mit Eduardo Mignogna

Nein, es gibt keine Anzeichen von innerer Unruhe in Eduardo Mignogna. Während des Gesprächs vor der Premiere von "El viento/Der Wind" vermittelt Mignogna die Gelassenheit eines Mannes, der getan hat, was er tun musste und sich gegen seine eigenen Überlegungen und die Überlegungen anderer gewappnet hat. "In jedem Moment spürte ich, dass dieser Film atmen würde", ruft er sich den Moment zurück, als Der Wind auch von ihm unabhängig wurde. Über seinen Schultern in seinem Büro in Palermo häng eine Reproduktion des beunruhigenden "Die Liebenden" von René Magritte: eine Frau und ein Mann mit verdeckten Gesichtern. Undurchsichtige Identitäten, Geheimnisse, Liebe; Themen, die zusammen mit der Frage nach der Schuld in Der Wind wieder auftauchen.

Sie haben einmal gesagt, dass im Kino eine große Differenz besteht zwischen den Träumen und der Verwirklichung dieser Träume. Es scheint, als hätten Sie diese Distanz nun verkürzt...
Das ist sicher, das spüre ich. Obwohl ich nicht weiß, was mir im Laufe der Zeit passieren wird. - Normalerweise sehe ich mir meine Filme nicht an: wegen meiner Gesundheit, um den Mythos zu erhalten. Der Wind kommt meinen Träumen sehr nahe. Das ist mir schon einmal passiert, als ich "Cuatro casas" veröffentlicht habe, auch wenn sich die Wahrnehmung anschließend verändert hatte. Ich weiß nicht... Ich nehme mir es nicht vor, es ist eine Art Bestimmung, dieses eine Buch zu schreiben, diesen einen Film zu drehen. Wer weiß, ob ich nach "Cuatro casas" und Der Wind noch mehr zu sagen haben werde.

Die spanische Kritiker lobten den Film als einen Western ohne Verschwundene...
Ja, sie haben den Film sogar mit "Erbarmungslos" (von Clint Eastwood) verglichen. Ich hätte den Film nicht klassifizieren können. Ich kann nur sagen, dass ich den Film so machen wollte und dass es mir gefällt, dass sich in den Minimalismus bestimmte Fragen eingeschlichen haben. Dass die Leute vom Land Werte haben, die bestimmter und stärker sind, entweder schwarz oder weiß. In der Stadt tendiert man eher dazu kleinere Vergehen zu verzeihen.

Sie sind viele Jahre gereist, um das Dorf Ihrer italienischen Großeltern und "großzügige und ungehobelte" Vorfahren kennen zu lernen. Entstammt die Person des Frank dieser Erinnerung, obwohl er französische Wurzeln hat?
Ich entstamme einer Immigrantenfamilie, in der es einige drückende Geheimnisse gab oder unangenehme Wahrheiten. Während dieser Reise in Italien habe ich mich sehr schnell mit der Erdscholle identifiziert, bin quasi zu einem kleinen schwarzen Kopf geworden. Ich entstamme einem Land mit rauen Männern, grob, ziemlich ungebildet, aber sie sind voller Güte, Moral und Gastfreundschaft. Wahrscheinlich wählen sie extrem konservativ. Etwa so ist Frank. Er ist kein Faschist, aber sehr autoritär, mit eindrücklicher Präsenz, er beabsichtigt, die Meinung der anderen zu ändern.

Die Schuld ist der Motor Ihrer Geschichte. Sie haben einmal gesagt, "frei zu sein bedeutet, eine bestimmte Schuld nicht zu haben." Wenn es so einfach wäre, hätten die Psychoanalytiker weniger Arbeit...
Sowohl die Psychoanalytiker als auch die Rechtsanwälte, oder? Ja, die Idee der Geschichte ist die von einem Mann, der bestraft werden will, der sich von einer Schuld befreien möchte, ohne sich den Regeln des Justizsystems stellen zu wollen. Auch wenn diese ab und zu bei Schuldigen eine Ausnahme machen.

Franks Enkelin Alina hat einen heimlichen Liebhaber, aber scheint keine Schuld zu empfinden. Du wirfst in Der Wind keinen moralischen Blick auf den Ehebruch.
Alina lebt die Untreue nicht wie jemand Unehrliches: sie ist zwischen zwei Leidenschaften gefangen. In diesem Sinn gibt es keine Personen, die schlecht behandelt werden oder andere, die eine doppelte Moral haben, einfach nur Frauen und Männer, die menschliche Konflikte durchleben. Das ist nicht einfach. In "So lebt der Mensch" behauptet André Malraux, dass es Wahrheiten gibt, die man nicht aussprechen muss. Ich glaube, dass einige grausame Enthüllungen lediglich eine Form von Egoismus sind, um mit sich selbst in Frieden zu bleiben.

Gefällt Ihnen das Schreiben am besten? Oder der gesamte kreative Prozess eines Films?
Ich genieße sowohl das Schreiben als auch das Filmen. Aber ein Buch zu schreiben ist eine intime Handlung, ohne fremde Anforderungen. Am Drehbuch zu arbeiten ist beängstigender: Man steckt in einem geregelten Prozess, hat einen bestimmten Platz in einer Kette von vielen Leuten. Aber dennoch ist es mir wert, auch wenn es voller Risiken, Zweifel und Ängste ist.

Welchen Roman würden Sie gerne verfilmen?
"Reise ans Ende der Nacht" von Céline; "Die Werft" von Onetti oder "Soldatenlohn" von Faulkner. Aber ich glaube nicht, dass ich das machen werde, Romane auf die Leinwand zu bringen ist eine sehr gefährliche Aufgabe. Je besser man das Werk kennt, um so schlimmer ist es; die LeserInnen haben schon eigene Bilder und Vorstellungen der Geschichte. Die Literatur und das Kino passen nicht zusammen.

Auch wenn man sein eigenes Buch verfilmt?
Noch schlimmer. Wer versichert dir, dass du während du einen Roman schreibst nicht schon einen Bildausschnitt im Kopf hast? Der Wind war immer ein Drehbuch. Beim Übergang von der Literatur zur Leinwand geht unausweichlich etwas verloren. Ich sage das und halte es selber nicht ein: ich behandle einen Text, den ich geschrieben habe wie einen Roman. Die Gattung wechseln zu wollen wird garantiert scheitern. Der Friedhof ist voller Drehbuchbearbeiter, die großartige Romane zum Schlechteren ins Kino gebracht haben.