DER
LETZTE APPLAUS
Die
Entstehungsgeschichte des Films (Von German Kral)
Die Geschichte vom Film “Der letzte Applaus” begann für
mich am Ende des letzten Jahrhunderts. Ende 1999, kurz bevor ich nach
Buenos Aires reisen wollte, die Stadt, in der ich geboren wurde und aufgewachsen
bin, sagte mir Doris Dörrie, meine Lehrerin an der Münchner
Filmhochschule, die kurz zuvor meine Heimatstadt besucht hatte: “German,
wenn Du nach Buenos Aires fliegst, musst Du Dir unbedingt eine ganz besondere
Tango-Bar anschauen und darüber einen Film machen...“ Die
Bar namens “Bar El Chino“ befand sich in Pompeya, einem typischen
Tango-Viertel von Buenos Aires, in dem ich vorher kaum gewesen war.
Als ich in die “Bar El Chino“ kam, war ich vom ersten Augenblick
an von ihrem Ambiente und den Leuten dort begeistert: Diese direkte und
unprätentiöse Art Tango zu singen, das Charisma ihres Besitzers “El
Chino“ (der Chinese) mit seiner typischen rauen Buenos Aires- Stimme,
die Nähe zwischen dem Publikum und den Sängern, die scheinbar
ohne jegliches ästhetisches Konzept an den Wänden aufgehängten
Zeichnungen und Fotos. Die “Bar El Chino“ eroberte mein Herz
im Sturm. Und da Filme machen das ist, was ich im Leben am liebsten tue,
war meine erste Reaktion, meine Kamera in die Hand zu nehmen und mit
dem Drehen zu beginnen. Und in jenem Sommer am Ende des letzten Jahrhunderts
konnte ich damit einfach nicht mehr aufhören. Ich drehte bei den
Sängern zu Hause und in der Bar, ich befragte sie zu ihrem Leben,
ihrer Liebe zum Singen und insbesondere zum Tango.
Mein Plan war, so schnell wie möglich nach Buenos Aires zurückzukommen,
um den Dokumentarfilm über die Bar zu beenden. Als ich aber anderthalb
Jahre später im August 2001 wieder nach Buenos Aires kam, hatte
sich alles verändert. El Chino war krank und lag im Krankenhaus,
sein einziger Sohn war ein paar Monate zuvor gestorben und eine sehr
schwere Atmosphäre von Traurigkeit und Krise hatte sich nicht nur über
die Bar, sondern die ganze Stadt, ja sogar das ganze Land gelegt. Während
der kalten Tage im August 2001 drehten wir wieder mit den Sängern
bei ihnen zu Hause und in der Bar. Kurz danach verließ ich Buenos
Aires mit einem seltsamen Gefühl. Einige Wochen später, wieder
zurück in Deutschland, erfuhr ich, dass El Chino gestorben war.
Bis November 2003 konnte ich dann nicht mehr nach Buenos Aires zurückkehren.
Und als ich wiederkam, hatte sich wieder alles verändert. Die neuen
Besitzer der Bar waren Delfina, El Chinos Witwe, und ihr Partner Omar.
Seit sie die Bar übernommen hatten, hatten sich viele der bekanntesten
Sänger mit ihnen überworfen und der Bar den Rücken gekehrt.
Das an sich war zwar traurig, aber nicht unbedingt tragisch. Das Tragische
lag vielmehr darin, dass einige dieser Sänger über 26 Jahre
in der Bar gesungen hatten und jetzt nicht nur eine wichtige Einkommensquelle,
sondern auch den einzigen Ort, an dem sie auftreten konnten, verloren
hatten.
2006 konnte ich dank des Interesses und der Unterstützung der Produktionsfirma
Happinet Corporation aus Tokio und des FilmFersehFonds Bayern erneut
nach Buenos Aires reisen und “Der letzte Applaus” zu Ende
drehen. Ich glaube, das Wichtigste für mich war, zu versuchen, das
Leben, die Geschichten und die Stimmen dieser besonderen Sänger
auf Film festzuhalten, bevor sie durch den Lauf der Zeit und fehlendes
Interesse vielleicht für immer verschwinden würden.
Damals traf ich auch auf die jungen Musiker des “Orquesta Típica
Imperial“, denen das Projekt sehr gefiel und die sofort mit den
Sängern der “Bar El Chino“ spielen wollten. Zudem hatte
ich das Glück, dass der in München lebende argentinische Komponist
Luis Borda sich für das Projekt interessierte und als Musikproduzent
mit ins Boot kam. Und so bekamen Christina, Julio und Inés
noch einmal die Chance, ihre Tangos vor einem begeisterten Publikum zu
singen.
Die Aufnahmen der Musik mit den alten Sängern und den Musikern
des “Orquesta Típica Imperial“ gehörten zu den
schönsten Momenten des gesamten Drehs. Die Sänger freuten sich
wie Kinder darüber, dass sie mit einem traditionellen Tango Orchester,
einer “Orquesta Típica“, singen konnten. Und für
die jungen Musiker wiederum war es ein faszinierendes Erlebnis, mit so
erfahrenen und mit allen Wassern gewaschenen Sängern spielen zu
dürfen.
Filme machen ist ein harter Beruf. Die Schwierigkeiten dabei, die notwendige
Finanzierung zu bekommen, die Unsicherheit, ob eine Idee auch wirklich
zu einem Film werden kann, der die Menschen interessiert, die Angst,
dass die Anstrengungen so vieler Menschen am Ende in einer Schublade
landen, ohne jemals das Licht eines Projektors erblickt zu haben. Es
gibt viele Momente, oft tief in der Nacht, in denen man sich fragt, ob
das alles einen Sinn hat.
Für mich persönlich war es eine große Freude, diesen
Film zu machen. Nach 17 Jahren in Deutschland wieder die Musik aus Buenos
Aires aus nächster Nähe erleben zu können. Diese Musik,
die ich so tief in mir trage wie meine Muttersprache. Und es war eine
der wertvollsten Erfahrungen meines Lebens, Zeuge der Freude dieser alten
Sänger zu sein, die wieder das tun konnten, was sie in ihrem Leben
am meisten lieben und was ihnen die Kraft gibt, trotz aller Schwierigkeiten
jeden Tag weiterzumachen: vor Publikum zu singen. Das war einer dieser
Momente, in denen ich dachte, dass es keinen schöneren Beruf auf
der Welt gibt, als Filme zu machen und dabei für immer festzuhalten,
was im Hier und Jetzt geschieht.
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