Das kleine Zimmer

INTERVIEW MIT DEN REGISSEURINNEN STÉPHANIE CHUAT UND VÉRONIQUE REYMOND

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Film gekommen?

Wir hatten das Bedürfnis, über die alternde Gesellschaft in unserem Land zu sprechen, über unser Verhältnis zum hohen Alter und über die wenig reizvolle Perspektive auf unser Ende im Altersheim, dem Vorzimmer zum Tod. Im Ausland wird die Schweiz mit einem Altersheim verglichen. Vor diesem Hintergrund sind die Fragen nach dem Umgang mit unseren Alten und nach dem Umgang mit uns selbst im fortgeschrittenen Alter entstanden. Im Leben geben wir Vollgas bis zum Tag, an dem wir unsere körperliche Unabhängigkeit verlieren. In diesem Moment wird man zu einer Last für die Gesellschaft, wird vollkommen unnütz und verursacht nur noch hohe Gesundheitskosten. Heutzutage sind nicht mehr die Jugendlichen die Undankbaren, sondern die Alten! Wir wollten zwei Themenkreise parallel abbilden: jenen des Lebensendes und jenen des Lebensanfangs – einen Mann, der vor dem drohenden Altersheim Angst hat, und eine Frau, die nicht über den Verlust ihres tot geborenen Kindes hinwegkommt. Unsere beiden Hauptfiguren haben auf den ersten Blick nichts Gemeinsames, sie bewegen sich in zwei sehr unterschiedlichen Realitäten, und nichtsdestotrotz müssen sich beide ihrer Trauer und ihrem Verlust stellen. Über diese gemeinsame Verbindung kommt eine langsame Annäherung zustande. Im Grunde ist DAS KLEINE ZIMMER eine Reflexion über die Identität, über die «Rückeroberung» seiner Identität, die durch die altersbedingten Erdbeben immer wieder verschüttet wird.

Wie haben Sie ihren Hauptdarsteller und ihre Hauptdarstellerin ausgewählt? Haben Sie schon beim Schreiben des Drehbuchs an sie gedacht?

Während des Schreibens hatten wir uns von alten Personen in unserem Umfeld inspirieren lassen. Freunde, Großmütter, Nachbarn... Zum Zeitpunkt des Castings – begabte alte Schauspieler sind eher die Ausnahme – war schnell klar, dass wir mit Michel Bouquet unseren Wunschkandidaten gefunden haben. Sein von Charme und Unbändigkeit geprägtes Charisma passt genau zur Filmfigur. Wir waren aber ziemlich sicher, dass er jegliche angebotene Kinorolle ablehnen würde, denn sein Herz gehört der Theaterbühne. Zu unserer großen Überraschung war er dann von unserem Drehbuch so gefesselt, dass er sich auf das Abenteuer eingelassen hat. Florence Loiret-Caille wurde uns von unserer französischen Castingverantwortlichen empfohlen. Schon beim ersten Treffen mit dieser außergewöhnlichen Schauspielerin war klar, dass wir zusammenarbeiten wollten. Mit ihrer einfühlsamen Art und ihrem außerordentlichen Talent spielte Florence Loiret-Caille diese komplexe Rolle einer Frau am existentiellen Abgrund auf eine hervorragende Weise.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit Michel Bouquet? Kann man einem Star wie ihm Anweisungen geben?

Die Zusammenarbeit war sehr einfach. Michael Bouquet liebte das Drehbuch und vertraute uns von Anfang an. Er ist absolut besessen von der Schauspielerei. Während des Drehs arbeitete er konstant an seiner Rolle und näherte sich ihr mit einer solchen Kraft, dass er jeden Tag ein bisschen mehr zu «Edmond», seiner Figur in DAS KLEINE ZIMMER, wurde. Dieses ständige Hinterfragen seiner Arbeit hat uns schwer beeindruckt und neue Perspektiven der Inszenierung ermöglicht. Er hat sich nie darüber beschwert, dass er sich mit zwei Regisseurinnen herumschlagen muss, er begegnete allen unseren Anweisungen mit Professionalität, ohne uns auch nur einmal spüren zu lassen, das wir noch neu im Filmbusiness sind. Ein wahrer Meister.

Wie arbeiten sie als Zweierteam?

Florence Loiret-Caille hat uns den Spitznamen «zweiköpfiger Adler» gegeben, was uns sehr gefällt. Für andere sind wir ein zweimotoriges Flugzeug... Wir kennen uns seit der Kindheit und sind «zusammen groß geworden». Wir haben unsere Arbeitsbeziehung nie verbalisieren müssen, denn sie ist auf intuitive und empirische Weise durch alle unsere Kunstprojekte entstanden. Wir schreiben mit vier Händen und arbeiten auch so auf der Bühne mit den Schauspielerinnen und Schauspielern und den Technikteams zusammen. Wenn die eine mit dem ersten Kameramann diskutiert, redet die andere mit den Schauspielerinnen und Schauspielern oder umgekehrt, je nach zu drehender Szene. Da wir mit vielen Arbeitspartnern und -partnerinnen kommunizieren müssen, sprechen wir uns auf jeden Fall ab – manchmal genügt ein Blick –, damit wir mit einer Stimme auftreten können.

Sie beide sind Bühnenschauspielerinnen. Nützt Ihnen das für die Regiearbeit?

Ja, wir versetzen uns in die Situation des Schauspielers oder der Schauspielerin vor der Kamera, wir kennen seine Ängste bei einer schwierigen Szene, denn wir haben das ja alles auch einmal erlebt. Es ist schwierig, Theater zu spielen, dessen sind wir uns aus eigener Erfahrung bewusst. Deshalb suchen wir – ohne irrezuführen – den besten Weg, der den Schauspielerinnen und Schauspielern ermöglicht, sich zu öffnen und den Kern der Filmfigur zu entfalten. Wir spornen sie an und geben nicht nach, bis wir zufrieden sind, denn wir wissen, dass Schauspieler und Schauspielerinnen Herausforderungen lieben. Und Zwang ist eine exzellente Motivation, die paradoxerweise die Kreativität befreit. Das Gelingen einer Szene hängt von der Interaktion der Figuren ab, vom Band, das sich zwischen ihnen bildet. Eine Szene existiert nur durch die – auch nonverbale – Beziehung von einer Person zur anderen. Glücklicherweise haben sich Michel Bouquet und Florence Loiret-Caille beim Drehen von DAS KLEINE ZIMMER gefunden.