DARWINS
ALPTRAUM
Anmerkungen des Regisseurs
Beginn des Alptraums
Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeit am Film KISANGANI
DIARY, der die ruandischen Flüchtlinge am Beginn des Bürgerkriegs
1997 bis tief in den Dschungel des Kongo verfolgt. Eines Tages sah ich
zwei gigantische Frachtflugzeuge auf dem kleinen Flugfeld von Mwanza geparkt,
die beide randvoll mit Lebensmitteln bepackt waren. Ein Flugzeug hatte
50 Tonnen gelber Erbsen aus Amerika an Bord, welche die Flüchtlinge
in den UN Lagern ernähren sollten. Der zweite Flieger hob in Richtung
Europa ab, mit einem schweren Bauch voller frischer Fischfilets. Die russischen
und ukrainischen Piloten wurden bald meine ,,Kameraden, denn nur
mit ihnen konnte ich mich in der Gegend fortbewegen. Schon nach wenigen
Bieren und Wodkas erzählten sie mir lachend, dass sie nicht nur humanitäre
Hilfsgüter in die Kriegsherde liefern, sondern eben auch das, was
der Krieg braucht: Bomben, Minen, Kalashnikovs, Munition...
Dieselben Flüchtlinge, die am Tag gelbe Erbsen gefüttert
bekamen, wurden in den tropischen Nächten mit Maschinengewehrsalven
niedergeschossen, zehntausende Menschen waren plötzlich nicht
mehr da. In den Morgenstunden filmte meine zitternde Kamera die zerstörten
Lager und Körper. Eine derartige zynische und hässliche Realität
zu kennen, ohne sie gesucht zu haben, war der erste Ansatz zu DARWINS
ALPTRAUM, mein bisher größtes persönliches und filmisches
Unterfangen.
Die ,,Wiege der Menschheit ist bekannt für ihre weiten grünen
Flächen, für ihre wilden Tieren und die schneebedeckten Vulkane
im Hintergrund. Gleichzeitig ist diese Gegend das Herz der Finsternis
unserer Zeit. Massive Epidemien, Hungersnöte und natürlich die
niemals endenden Bürgerkriege passieren beinahe unbeachtet vom Rest
der Welt. Diese bewaffneten Konflikte sind seit dem 2. Weltkrieg bei weitem
die blutigsten in der Geschichte.
Allein im Osten des Kongo sterben täglich ebenso viele Menschen
gewaltsam, wie am 11. September 2001 in New York starben. Jeden Tag,
das ganze Jahr, findet ein 11. September statt. Wenn nicht total ignoriert,
werden die Konflikte oft als Stammeskriege qualifiziert, wie etwa in Ruanda,
Burundi oder Sudan. Der wahre Hintergrund ist aber meistens der Einfluss
von internationalen Interessen um Rohstoffe.
Im
Herzen der Finsternis
Um dieses Projekt zu realisieren bedurfte es einer minimalistischen
Methode: Meines ständigen Begleiters Sandor, meiner kleinen Kamera
und mir. Wir mussten nahe bei den Menschen sein und ihre Leben über
sehr lange Zeitspannen hinweg verfolgen. Daraus resultierten intensive
Beziehungen und Freundschaften, die für immer halten werden. Die
Figuren des Films sind auch Protagonisten in meinem Leben. Wenn man Kontraste
und Widersprüche sucht, kann die Wirklichkeit eine Form annehmen,
die man in Los Angeles bigger than life nennt. Ab einem
gewissen Moment war es einfach, Bilder zu finden, die frappieren,
denn ich fand und filmte eine widersprüchliche, frappierende Realität.
Aber es war auch einfach, in Schwierigkeiten zu geraten, vor allem mit
den ,Autoritäten, wie Militär und Polizei.
In Tansania konnten wir kaum als normales Filmteam auftreten. Um
mit den Frachtflugzeugen hin- und her zu fliegen, mussten wir uns mit
weißen Hemden, gebügelten Hosen und gefälschten Papieren
bewegen, als Piloten verkleidet gingen wir durch die Kontrollen. In den
Dörfern sah man selten Weiße, und man hielt uns demnach für
Missionare. In den Fischfabriken fürchtete man, wir seien Hygienekontrolleure
der EU, und in den Bars der Hotels mussten wir australische Geschäftsmänner
darstellen, denn Missionare sieht man dort ungern. Wir waren immer dort,
wo man eigentlich nichts zu suchen hat: Im Tower des Flughafens, an welchem
die Holzkisten mit den Waffen aus und die Fische eingeladen werden, bei
den Prostituierten, wo Kunden gewöhnlich nicht mit Kameras sitzen,
an den Fischmüllhalden, zu denen Westler keinen Zutritt erhalten.
Das
Ergebnis waren unzählige Tage und Nächte in Polizeistationen
und lokalen Gefängnissen. Stundenlange Verhöre von dicken,
schwitzenden Offizieren. Checkpoints in der Nacht. Einen großen
Teil des Filmbudgets brauchten wir, um uns die Freiheit immer wieder zurückzukaufen.
Der Golfkrieg machte unsere Lage in diesem muslimischen Land auch nicht
leichter. Noch weniger lustig wurde es, als Eliza, eine der Hauptfiguren
im Film, plötzlich von einem ihrer männlichen Kunden erstochen
wurde. Nachdem die Weißen bekanntlich alle Brüder vom gleichen
Stamm sind, waren wir in den Augen vieler also die Brüder des Mörders
... und man hat uns alsbald verdächtigt, Blue Movies
mit nackten Mädchen zu drehen. Eines Tages hielt man uns tatsächlich
auf einer Insel gefangen, Pässe und Papiere wurden konfisziert. Die
nationalen Zeitungen schrieben Western Journalists Kidnapped on
Lake Viktoria. Es war eine Übertreibung der Presse. Aber wieder
einmal saßen wir ohne arbeiten zu können auf unseren Kisten,
umgeben von ein paar tausend Fischskeletten in der Tropensonne, und versuchten,
das langsame Verrücktwerden hinauszuschieben.
Survival of the Fittest
Die
alte Frage, welches soziale oder politische System das Beste ist, scheint
eine Antwort gefunden zu haben: Der Kapitalismus hat gewonnen. Die
ultimative Form von zukünftigen Gesellschaften sind Consumer
Democracies, welche auch ,,zivilisiert und ,,gut sind.
In einem Darwinistischen Sinn hat das gute System gewonnen, und das ist
auch fair. Es hat gesiegt, indem es seine Feinde entweder
bekehrt oder vernichtet. Mit DARWINS ALPTRAUM versuchte ich, die seltsame
success story eines Fisches und den kurzfristigen Boom um
dieses erfolgreiche Tier in eine ironische und beängstigende Allegorie
zu verwandeln, welche die ,Neue Weltordnung reflektiert. Es ist
zum Beispiel unglaublich aber wahr, dass, wo immer in einer relativ armen
Gegend ein wertvoller Rohstoff entdeckt wird, die Menschen im Umfeld des
neuen Reichtums elend zugrunde gehen. Ihre Söhne werden zu Wächtern
und Soldaten, ihre Töchter zu Dienerinnen und Huren. Es macht mich
krank, diese sich wiederholende Geschichte immer wieder zu hören
und zu sehen.
DARWINS
ALPTRAUM könnte ich in Sierra Leone erzählen, nur wäre
der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane, und in Angola, Nigeria
oder Irak schwarzes Öl. Die meisten von uns kennen die destruktiven
Mechanismen unserer Zeit, und doch können wir sie nicht richtig begreifen.
Es ist sehr schwer, das, was man weiß, auch glauben und wahrlich
verstehen zu können. (Die Transzendenz und die Poesie des Kinos ist
teilweise imstande, zwischen dem Wissen und dem Begreifen eine Brücke
zu schlagen.) Verwunderlich ist, dass die beteiligten Akteure eines mörderischen
Systems keine hässlichen Gesichter haben, und meistens sogar keine
schlechten Absichten. Die Beteiligten sind wir, ihr und ich. Einige von
uns machen ,,nur ihren Job, und sie fliegen z.B. einen Jumbo von
A nach B, der mit Napalm beladen ist. Einige wollen einfach von nichts
etwas wissen, andere kämpfen um das nackte Überleben. In diesem
Film versuchte ich die Personen so nahe und intim als möglich zu
filmen. Sergey, Dimond, Raphael, Eliza: wirkliche Menschen, die auf eine
wundervolle Art die Komplexität eines Systems verkörpern, und,
für mich, das wirkliche Rätsel in sich tragen.
|