COUSCOUS
MIT FISCH
Gespräch mit Regisseur Abedellatif Kechiche
Sie wollten COUSCOUS MIT FISCH nach dem Film VOLTAIRE IST SCHULD (LA
FAUTE A VOLTAIRE) drehen. Wie hat sich das Projekt entwickelt?
Eigentlich
wollte ich ihn schon vor VOLTAIRE IST SCHULD drehen, denn es existierte
bereits eine erste Drehbuchfassung. Ich war damals, also
zwischen 1995 und 1997, sehr interessiert an dem Zustandekommen des Projekts,
aber ich konnte die Gelder für meine Filme nicht zusammenbringen,
z.B. auch für L’ESQUIVE. Die Idee für COUSCOUS MIT FISCH
kam mir durch meine eigene Familie: Ich wollte von ihr erzählen,
von ihrem Wohnort, von Nizza, wo ich herkomme, und ich wollte meinen
Vater würdigen, der die Hauptrolle bekommen hätte. Ich bin
wie der Mann, der in der Geschichte aus einem alten Boot ein Restaurant
machen möchte: einen Film drehen ohne Geld, dafür aber mit
guten Ideen. Mit einer 16mm Kamera wollte ich in den Wohnungen meiner
Familie filmen und auf dem Boot, das ich im Hafen von Saint-Laurent aufgetrieben
hatte. Erst später habe ich begriffen, dass es nicht so einfach
ist, ganz ohne Mittel einen Film zu drehen, oder aber es kostet mehr
Energie als alles Gold der Welt!
Aber schließlich bekam ich die finanzielle Unterstützung für
VOLTAIRE IST SCHULD und der Film wurde fertiggestellt. Als ich dann wieder über
COUSCOUS MIT FISCH nachdenken konnte, hatte sich meine Familie verändert
und in viele verschiedene Richtungen weiterentwickelt, aber ich dachte
mehr denn je daran, meinen Vater mitspielen zu lassen. Der Zufall wollte
es, dass Jacques Ouaniche, der meinen zweiten Film produzieren wollte,
sich vor allem für L’ESQUIVE interessierte. Während des
Schnitts zu L’ESQUIVE ist mein Vater dann gestorben ...
Hat das Projekt damit für Sie jegliche Daseinsberechtigung verloren?
Ich
hatte keine große Lust mehr auf die Verwirklichung. Als ich
Claude Berri traf, fragte er mich nach meinen aktuellen Projekten und
war dann von COUSCOUS MIT FISCH fasziniert. Nizza kam als Drehort für
mich nicht mehr in Frage; ich konnte nicht mehr mit meiner Familie drehen,
schließlich waren zehn Jahre vergangen und ich musste einen Darsteller
für die Rolle meines Vaters finden. Ich dachte an Mustapha Adouani,
der in der ersten Szene von VOLTAIRE IST SCHULD spielt und meinem Vater
sehr ähnlich sieht; ich habe schließlich einen Hafen gefunden,
den von Sète, einer Stadt, in die ich mich sofort verliebt habe,
und somit war der Wunsch wieder erwacht, den Film fertigzustellen. Die
Proben begannen, aber nach einigen Monaten wurde Mustapha krank. Inzwischen
ist er gestorben ...
Zu diesem Zeitpunkt dachte ich an Aufgabe, aber Claude Berri hielt durch,
er wollte nicht, dass ich aufhöre. Und natürlich dachte ich
an die anderen Schauspieler, die schon viel Arbeit geleistet hatten.
Ich fuhr zu einem Casting, obwohl ich schon alle in Frage kommenden Schauspieler
maghrebinischer Herkunft gesehen hatte. Mir blieben noch zwei Monate
jemanden zu finden. Und plötzlich fiel mir Habib ein, ein Freund
meines Vaters, der mit ihm auf der Werft gearbeitet hatte. Es schien
plötzlich ganz selbstverständlich zu sein.
Wenn man Slimane auf der Leinwand sieht ist man verblüfft über
die Ähnlichkeit mit Ihnen; so könnten Sie im Alter aussehen!
Das
ist erstaunlich ... mir ist die äußerliche Ähnlichkeit
eigentlich nicht aufgefallen. Aber Habib hat so eine Haltung, eine Art
sich zu auszudrücken und zu bewegen, die an meinen Vater erinnert.
Vielleicht ist es auch die Last, die sich auf seinem Gesicht spiegelt,
die Last seines Lebens, die mich so anspricht.
Gespräch mit Regisseur Abedellatif KechicheAus den Äußerungen aller Schauspieler, angefangen bei Habib,
spricht immer wieder die bedingungslose Hingabe an Sie. Wie schaffen
Sie es, so ein Vertrauensverhältnis zu jedem aufzubauen und eine
Gruppendynamik herzustellen?
Schwer zu sagen ... Kino und die Arbeit
mit den Schauspielern sind meine Leidenschaft, fast der Sinn meines Lebens.
Es ist auch die Suche nach
Erfüllung: im Spiel der Schauspieler die größte Wahrhaftigkeit
zu finden. Das war mit einer der Gründe, warum ich Regisseur werden
wollte, denn ich merkte man kann ihnen helfen, diese Authentizität
zu erlangen. Aber es gibt kein Geheimnis, es ist einfach eine Frage der
Arbeit. Als Schauspieler war ich sehr geprägt von meiner Theatererfahrung;
ich fand die Probenphasen toll, beim Kino hat mir dieser Teamgeist immer
gefehlt.
Ist Ihre Arbeitsmethode eine Reaktion auf die Art und Weise, wie
Regisseure Sie geführt haben?
Nein, keine Reaktion. Aber Zeit
ist Geld im Kino, und die Regisseure haben oft nicht die Möglichkeit langer Proben. Ich war immer bereit,
vieles in puncto Produktion zu opfern, damit ich proben konnte. Trotzdem
habe ich den Schauspielern während der Dreharbeiten genügend
Freiheiten gelassen, mich Unvorhergesehenem angepasst, aber es gibt wenig
Improvisationsspielraum, auch wenn man das kaum glauben möchte.
Das Wichtige wird während der Proben erfahren und festgelegt. Vor
allem die jungen Schauspieler habe ich so mit Theaterstücken arbeiten
lassen, ohne dass zwangsläufig eine Verbindung zur Geschichte des
Films bestand. Alle hatten Tanzunterricht wegen der Körpererfahrung
und vor allem für eine bessere Zusammenarbeit. Die Masken fallen,
sie lassen sich gehen und Teamgeist stellt sich ein.
Der französische Titel des Films LA GRAINE ET LE MULET – „Das
Korn und die Meerbarbe“ ist ein kulinarischer Verweis auf Couscous,
aber könnte man dort vielleicht auch eine Parallele zu den Generationen
sehen, das Korn für die junge Generation und den Fisch für
die von Slimane?
Dieser Titel ist mir damals als erstes in den Sinn
gekommen und ich habe ihn nie geändert. Es gibt keine Erklärung für das
Korn, aber bei dem Fisch gebe ich Ihnen Recht. Mit diesem Fisch könnte
ich mich glatt identifizieren: er ist stur und eigensinnig, er ist unglaublich
anpassungsfähig; er kann in jedem Meer leben, ist genügsam.
Er ist nicht leicht zu fangen, denn er kann unheimlich hoch aus dem Netz
springen. Kurz, er lässt sich nicht greifen! Erst später ist
mir noch ein anderer Sinn für das Korn eingefallen: Es ist ein Symbol
für eine Idee, die wachsen und sich entwickeln soll.
Essen zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, und Ihre Art es
zu filmen, besonders bei der Szene des Familienessens, ist von unglaublicher
Sinnlichkeit ...
Es gibt sehr beschauliche Momente in diesem Film,
denn ich wollte mir Zeit nehmen, um diese Sinnlichkeit in den alltäglichen Handlungen
einzufangen: beim Kochen, Essen, Lachen, Lieben, Streiten, usw. Man muss
sich einem besonderen Rhythmus anpassen, denn normalerweise erlaubt eine
Handlung keine Verzögerung, während eine Mahlzeit oder die
Entstehung eines Gefühls auf dem Gesicht entsprechend lange Bilder
braucht. Aber gerade dieser Aspekt interessiert mich am allermeisten:
mich dieser Welt anzunähern, die mir so vertraut ist, und ihren
Personen, um ganz einfach die kleinen Dinge des Lebens zu erzählen.
Kann man Ihre Person in diesem Film irgendwo in den Charakteren wiederfinden?
Am
ehesten findet man mich in der Sichtweise wieder, die ich meinen Figuren
gebe. Auf jeden Fall habe ich in diesem Film mehr über mich
preisgegeben als jemals zuvor. In VOLTAIRE IST SCHULD und L’ESQUIVE
gab es nicht diesen Bezug zu meinem Leben; diesmal verrät die Darstellung
der Charaktere sehr viel über mich. Ich habe mich stark von meiner
Familie inspirieren lassen, obwohl die Geschichte reine Fiktion ist.
Bei einem Vergleich Ihrer drei Filme sticht zuerst das Thema Tradition
ins Auge, in diesem Fall geht es um ein Erbe, das Slimane seinen Kindern
hinterlassen möchte.
Ja, vielleicht, aber das war nicht unbedingt
geplant. Meinen Personen gelingt es nicht, sich in einer feindlich erscheinenden
Gesellschaft
durchzusetzen. In L‘ESQUIVE scheitert Krimo in seiner Harlekin-Rolle,
und Jallel wird in VOLTAIRE IST SCHULD ausgewiesen.
Ist das Realismus oder Pessimismus?
Eher Realismus, auch ich fühle
mich nicht wirklich komplett angenommen, es bleibt immer so ein Rest
von Unbehagen ...
Aber dennoch gelingt es Krimo, sich auszudrücken, er entwickelt
sich, und Rym strahlt in COUSCOUS MIT FISCH so eine Vitalität und
Beharrlichkeit aus – da scheint die Hoffnung sich schließlich
doch noch in der neuen Generation durchzusetzen ...
Stimmt, ich wollte
diese jungen Menschen schön, energiegeladen
und hoffnungsvoll darstellen. Aber in COUSCOUS MIT FISCH wollte ich vor
allem von einer Gemeinschaft erzählen und von einer sozialen Schicht
... Ich halte es für notwendig, die Franzosen arabischer Herkunft
auch anders darzustellen. Ich möchte Diskriminierungen entgegentreten,
wie in den Szenen, in denen Slimane und Rym den Gang durch die Behörden
antreten. Neben der Figur des Vaters möchte ich auch die sogenannten “Einwanderer
der ersten Generation” würdigen. Dies ist vor allem ein Film
für sie und über sie. Ich halte sie für überaus mutige
Helden: Sie bewiesen Mut, indem sie ihr Heimatland verließen, hart
arbeiteten und viele Demütigungen ertrugen mit der alleinigen Hoffnung
auf ein besseres Leben für ihre Kinder. Wie mein Vater besitzen
sie eine sehr starke Opferbereitschaft, und die wollte ich aufzeigen
und ihr oft so schlechtes Image verbessern. Ich empfinde diese normalerweise
negative Darstellung als ungerecht. Im Film zeige ich die große
Zuneigung und Liebe, die die Kinder – und vor allem die Mädchen – Slimane
entgegenbringen. Ryms Tanz ist ein extremer Ausdruck dieser Liebe. Mir
ging es um die sehr starke Bindung, die im Gegensatz zu den üblichen
dominanten Vater-Rollen steht. Ich wünsche mir eine solidarische
Beziehung zwischen den Generationen. Irgendwie müssen sie doch trotz
all der Jahre, die sie trennen, die gleichen Demütigungen und Erniedrigungen
bewältigen – das schafft natürlich eine starke Verbindung.
Als Künstler sollte ich mich eigentlich total frei fühlen und
eine romantische Geschichte erzählen, eine Familiensaga voller Spannung,
Entwicklungen, etc. Eines Tages wird es mir hoffentlich gelingen, mich
freier auszudrücken und Filme zu drehen, in denen diese Probleme
und Forderungen nach Gleichberechtigung bereits gelöst sind; aber
da sie in unserer Gesellschaft weiterhin existieren, fühle ich mich
moralisch verpflichtet, solche Themen in meinen Filmen zu behandeln.
Meine filmische Begeisterung sollte dabei aber nicht zu kurz kommen!
Richtig! In L’ESQUIVE vergisst man die Großstadtumgebung
und sieht nur noch die rührende Unbeholfenheit der ersten Liebe;
hier lebt und leidet man mit einer Familie, mit einzelnen Personen ungeachtet
der Herkunft: Ist das der zentrale Aspekt Ihrer Vorgehensweise als Filmemacher?
Ja,
das ist meine Sicht der Dinge. In COUSCOUS MIT FISCH geht es um eine
ganz normale französische Familie, die eher durch ihre sozialen
Bedingungen bestimmt wird als durch ihre Herkunft.
Sie wollen ganz einfach ein Recht auf „Banalität“ ...
Ganz
genau! Oft verfällt man dem Irrtum und meint, eine Sache durch
Anprangern, Anklagen oder Beweisen besser verteidigen zu können,
aber oft reicht es, hinzusehen und liebevoll darzustellen. Ich glaube,
dass durch Gewaltdarstellungen oft Opfer entstehen und demzufolge eine
Distanz zu den Personen. Das Normale wirkt oft viel stärker für
die Identifikation. Aber das war nicht berechnet sondern geschah unbewusst:
Ich wollte meinen Vater filmen, dann Mustapha und schließlich Habib,
weil ihre Gesichter und ihre Ausdruckskraft mich berührten. Ich
habe nicht einen Moment daran gedacht, ob dieses Gesicht zu irgendeinem
Text passt, und das gilt für alle anderen Personen auch.
Ein anderes Thema, das in Ihren Filmen wiederholt vorkommt ist die
Vorliebe für sehr emotionale weibliche Darstellerinnen: Aure Atika in VOLTAIRE
IST SCHULD, Sarah Forestier und Sabrina Ouazani in L’ESQUIVE, jetzt
Hafsia Herzi und andere in COUSCOUS MIT FISCH: Sie übernehmen beim
Tanzen die Führung, im eigentlichen sowie im übertragenen Sinn!
Ich
identifiziere mich leichter mit männlichen Figuren, aber ich
präsentiere sie zurückhaltender, weniger extravagant als die
Frauen: Sie tragen die Idee des Films, aber aus filmischer Sicht sind
sie weniger spektakulär. Vermutlich kommt das daher, dass ich immer
von starken Frauen umgeben war: meiner Mutter, meinen Schwestern, Großmüttern,
Tanten ... Aber ich bin ebenso sorgfältig bei der Charakterisierung
meiner männlichen Rollen, sie sind verhaltener, gequälter,
ich betrachte sie mit der gleichen Zärtlichkeit wie die weiblichen
Figuren. Ich verhalte mich absolut asexuell bei den Rollen.
Diese unverhohlene „asexuelle“ Liebe wird deutlich durch
die zwei Szenen am Schluss des Films, die parallel ablaufen: der Marathon-Tanz
von Rym und der nicht weniger anstrengende von Slimane.
Dieser Parallelschnitt
gehorcht den Gesetzen der Spannungserzeugung, also einer eher klassischen
Erzählform. Das ist ein Versuch, der
auch völlig daneben gehen kann. Die Idee war rein intuitiv und erzeugt
mehr dramatische Wirkung. Ich habe viel Zeit gebraucht, um die Intensität
der beiden Szenen zu erreichen: Hafsia und Habib sind im wahrsten Sinne
des Wortes außer Atem gekommen, aber anders hätte ich das
wohl nicht erreicht. Aus ästhetischer Sicht kam es mir auf schöne
Aufnahmen an, aber diese Szenen waren nicht die schwierigsten beim Dreh.
Komplizierter war z.B. die Szene mit Slimane, seiner Tochter und seiner
Enkeltochter, die von ihrer Mutter auf’s Töpfchen gesetzt
wird. Regiearbeit mit Kindern ist immer heikel und ihr Verhalten unvorhersehbar.
In solchen Momenten habe ich nicht wirklich Angst, mir wird eher heiß!
Wie bei L’ESQUIVE steht die Sprache im Zentrum, vor allem durch
die Flut von lustigen und wirkungsvollen Antworten ...
Ich weiß nie, wann ein Satz lustig ist. Bei einer Antwort wie „Ich
habe nichts gesagt. Aus Respekt vor dir und dem Couscous.“ kann
ich herzlich lachen, aber vielleicht geht das nur mir so. Vor allem der
Schauspieler kann den Worten Bedeutung verleihen, ihnen eine dramatische
oder komische Wirkung geben. Seine Freiheit in diesem Bereich ist wichtig.
Mir hilft sicher die Tatsache, dass ich selber Schauspieler bin, und
außerdem bearbeite ich die Dialoge mit Ghalya Lacroix, die auch
Schauspielerin ist. Sie müssen voller Leben sein, das ist absolut
wichtig ...
Wahrscheinlich ist es für Sie unerträglich, dass die Menschen
von Ihnen betont rebellisches Kino erwarten?
Ganz richtig. Und wenn
ich von Suche nach Freiheit spreche, so könnte
man da sicher noch viel weiter gehen: in Frankreich existieren so viele
Kulturen, dieser Reichtum muss nur kreativ genutzt werden.
Verstehen Sie Ihre Entwicklung als Filmemacher nur durch die ständige
Suche nach Wahrhaftigkeit?
Was die Wahrhaftigkeit im Spiel der Darsteller
betrifft, so habe ich den Eindruck, durch COUSCOUS MIT FISCH meine Arbeitsmethode
weiterhin
gefestigt zu haben. Ich bin auf jeden Fall davon überzeugt, dass
diese Methode meinen Vorstellungen entspricht. Jetzt habe ich große
Lust auf eine Zäsur, ich habe den Wunsch zu experimentieren, damit
ich nicht auf einen Stil festgelegt werde oder in Routine verfalle.
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