BEFORE
NIGHT FALLS
Der kubanische Schriftsteller Reinaldo Arenas
1943: Provinz Oriente, Kuba
Reinaldo Arenas wurde am 16. Juli 1943 geboren. Seine Mutter wurde schon
bald von seinem Vater sitzengelassen. Im Haus der Eltern seiner Mutter
wuchs Reinaldo in der ländlichen Gegend Oriente auf. Die Kindheit
war geprägt vom Kontrast zwischen der bitteren Armut seiner Familie
und der Üppigkeit und Grosszügigkeit der Natur, die sie umgab.
Der Junge wuchs mit einem Gefühl für Freiheit auf, folgte seinen
Impulsen, ob er nun erste Gedichte schrieb oder Männern beim Baden
im Fluss zuschaute.
1958: Holguín
1958 folgte der Umzug nach Holguín. Noch als Teenager unterstützte
er Castros Umsturz der Batista-Diktatur. Mit dem Sieg der Revolution wurde
es ihm möglich, am ehrgeizigen Regierungsprogramm zur Erziehung und
Ausbildung der Jugend teilzunehmen.
1962: Havanna
1962 schrieb sich Reinaldo Arenas in die Universität von Havanna
ein und lebte in dieser kosmopolitischen, aufregenden Stadt. Er entdeckte,
dass neben der offiziellen Revolution auch eine sexuelle Revolution im
Gange war. Zur grossen Anzahl seiner Liebhaber gehörte auch Pepe
Malas, der ihn in Havannas pulsierende homosexuelle Subkultur einführte.
Diese frühen Tage der Revolution fielen mit Reinaldos Erforschung
seiner Identität als Schriftsteller und Homosexueller zusammen. Er
nahm an einem Schreibwettbewerb teil und sein offensichtliches Talent
brachte ihm eine sichere Arbeit an der prestigeträchtigen Nationalbibliothek
ein. Kubas bekannteste Schriftsteller wurden seine Freunde, wie Virgilio
Piñera und José Lezama Lima. Mit zwanzig Jahren schrieb
er seinen ersten Roman 'Celestino antes del alba', der mit einer ehrenvollen
Erwähnung beim nationalen Cirilio Villaverde-Wettbewerb ausgezeichnet
wurde.
'Celestino antes del alba' blieb die einzige Publikation in seinem Heimatland.
Ab den späten 60er Jahren setzte der Druck auf Künstler und
Homosexuelle ein, Schriftsteller wurden zur öffentlichen Verleugnung
ihrer Werke gezwungen und Homosexuelle wurden in Arbeitslager gesteckt,
deren blumige Namen ihren wahren Zweck kaum kaschieren konnten. Trotz
dieser Bedrohung schrieb Reinaldo weiter, ließ seinen respektlosen,
unverblümten Visionen freien Lauf. Sein zweiter Roman 'El mundo alucinante'
(Wahnwitzige Welt ) wurde aus Kuba heraus geschmuggelt und in Frankreich
publiziert, was ihm die Feindschaft der Regierung einbrachte. In den nächsten
Jahren war er ständiger Verfolgung ausgesetzt, seine Wohnung wurde
durchsucht, seine Schriften konfisziert, seine Freunde bedroht.
1973: El Morro
1973 wurde Arenas fälschlich der sexuellen Belästigung angeklagt
und gefangen genommen. Es gelang ihm, aus dem Gefängnis zu fliehen.
In einer verzweifelten Aktion versuchte er, von der Insel auf einem großen
Autoreifen zu fliehen. Der Versuch misslang, er wurde in der Nähe
des Leninparks, wo er sich versteckte, gefasst und ins berüchtigte
El Morro Gefängnis gesteckt. Zwei Jahre verbrachte er in der Gesellschaft
von Mördern, Vergewaltigern und anderen Schwerverbrechern. Für
die Briefe, die er für die Inhaftierten an ihre Frauen und Geliebten
schrieb, erhielt er Papier und Schreibzeug. Doch die Versuche, das Geschriebene
aus den Gefängnismauern zu schmuggeln, wurden durchschaut. Reinaldo
wurde aufs Brutalste bestraft. Vor die Entscheidung gestellt, sein Werk
zu verleugnen oder für immer zu verschwinden, zog er ersteres vor.
Nach der Entlassung aus dem Gefängnis war Arenas ein preisgekrönter
Autor auf der Straße. Ein Freund vermittelte ihm ein Hotelzimmer,
wo er seinen künftigen besten Freund Lázaro Gómez Carriles
kennenlernte.
1980: Exil
1980 erlaubte Castro Homosexuellen, Geisteskranken und Verbrechern (man
beachte die Kombination), Kuba im sogenannten 'Mariel Harbour Boatlift'
zu verlassen. Eine Änderung in Reinaldos Pass in letzter Minute erlaubte
es ihm, Kuba unentdeckt zu verlassen. Zunächst in Miami, dann in
New York, begann er ein Leben im Exil: verarmt und staatenlos, doch mit
einem noch immer unbändigen Appetit aufs Schreiben und das Leben.
Seinen Humor, den Kampfgeist und die Aufrichtigkeit hatte er nicht verloren.
Doch der Kampf war noch nicht vorbei. Er infizierte sich mit dem AIDS-Virus
und war fortan bemüht, in einem Wettlauf mit dem Tod seine Arbeit
zu beenden. Als er 1990 starb zählte sein Werk über zwanzig
Bücher, davon zehn Romane und zahlreiche Kurzgeschichten, Gedichte,
Essays und Theaterstücke. Sein uvre ist zweifellos eines der
zornigsten und leidenschaftlichsten, das je gegen einen totalitären
Staat geschrieben wurde. Reinaldo Arenas Memoiren 'Bevor es Nacht wird.
Ein Leben in Havanna' ('Antes que anochezca') wurden 1993 auf Englisch
publiziert und von der 'New York Times Book Review' als eines der jahresbesten
Bücher aufgenommen.
1988 wandte sich Arenas zusammen mit Jorge Camacho in einem offenen Brief
an Fidel Castro. Darin forderten sie ein Plebiszit, in dem das kubanische
Volk entscheiden sollte, ob es Castro weiterhin als Führer behalten
wollte. Unterzeichnet von 163 Künstlern, Schriftstellern und Schauspielern
wurde der Brief in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt.
Reinaldo Arenas schreibt in diesem Zusammenhang:
"Was ist mit den meisten talentierten jungen Männern meiner
Generation geschehen? Nelson Rodriguez beispielsweise, der Autor von 'El
regalo', wurde hingerichtet. Delfin Prats, einer unserer besten Dichter,
wurde zum entmenschlichten Alkoholiker, Pepe el Loco, der mutige Chronist,
brachte sich um, Luis Rogelio Nogueras, ein talentierter Poet, starb kürzlich
unter ungeklärten Umständen, es ist nicht klar, ob er an AIDS
oder durch Castros Schergen gestorben ist. Und ich? Nach 37 Jahren in
Kuba lebe ich nun im Exil, warte auf den Tod und erleide doch alle Qualen
des Exils. Warum diese endlose Grausamkeit uns gegenüber? Warum diese
Grausamkeit uns gegenüber, die wir nicht Teil dieser banalen Tradition
und tristen alltäglichen Existenz sein wollten, die so typisch für
unsere Insel ist?"
Auswahl Bibliografie
- Celestino antes del alba (La Habana: Ediciones Unión, 1967)
- Singing from the Well (New York: Viking, 1987)
- Le monde hallucinant (Paris: Editions Du Seuil, 1968)
- El mundo alucinante, una novela de aventuras (Mexico: Editorial Diógenes,
1966)
- Hallucinations: Being an Account of the Life and Adventures of Friar
Servando Teresa de Mier (New York: Harper & Row, 1971)
- Le palais des très blanches mouffettes (Paris: Editions Du
Seuil, 1975)
- El palacio de las blanquísimas mofetas (Barcelona: Editorial
Argos Vergara, 1983)
- El Central (Barcelona: Seix Barral, 1981)
- Termina el desfile (Barcelona: Seix Barral, 1981)
- Otra vez el mar (Barcelona: Editorial Argos Vergara, 1982),
- Arturo, la estrella más brillante (Barcelona: Montesinos Editor,
1984)
- Necesidad de libertad (Mexico: Kosmos - Editorial, 1986)
- Persecución (cinco pieza de teatro experimental) (Miami, Ediciones
Universal, 1986)
- La loma del angel (Barcelona: DADOR / ediciones, 1987)
- Graveyard of the Angels (New York: Avon Books, 1987)
- Voluntad de vivir manifestándose (Madrid: Editorial Betania,
1989)
- El asalto (Miami: Ediciones Universal, 1990)
- Leprosorio (Trilogía poética) (Madrid: Editorial Betania,
1990)
- El portero (Miami: Ediciones Universal, 1990)
- Viaje a La Habana (Miami: Ediciones Universal, 1990)
- El color del verano o nuevo jardín de las delicias (Miami:
Ediciones Universal, 1991)
- Final de un cuento (Diputación Provincial de Huelva: El Fantasma
de la Glorieta, 1991)
- Antes que anochezca (Barcelona: Tusquets Editores, 1992)
- Before Night Falls (New York: Viking Penguin, 1993)
Eine Sammlung der Originalmanuskripte wird in der Princeton University
archiviert.
In deutscher Übersetzung erschienen:
- Bevor es Nacht wird. Ein Leben in Havanna (dtv)
- Reise nach Havanna. Roman in drei Reisen (dtv)
- Rosa. Roman in zwei Erzählungen (Edition diá Bln /PRO)
Die vollständigen Texte können Sie auf der Seite "Pressematerial"
herunterladen.
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