ATANARJUAT - DIE LEGENDE VOM SCHNELLEN LÄUFER
Produktionsnotizen
des Regisseurs Zacharias Kunuk
»Seit mehr als 4000 Jahren wird im Nomadenstamm der Igloolik alles
Wissen, die Kultur, die Philosophie von Generation zu Generation mündlich
überliefert. Während sich andere Kulturen mit dem Aufbau riesiger
Imperien hervortaten, materiellen Wohlstand schufen oder Kriege führten,
haben die Inuit gelernt, gute Geschichten zu erzählen: so unterhaltsam
und spannend, dass die Zuhörer in ihren Bann gezogen werden. Dabei
transportieren sie überaus komplexe kulturelle Informationen. Für
die Inuit bedeutet mein Film eine Weiterführung der mündlich
überlieferten Geschichte, nunmehr übertragen auf das moderne
Medium Film für zukünftige Generationen. Den anderen Zuschauern
auf der Welt wird ATANARJUAT zum ersten Mal einen Zugang zum Geschichtenerzählen
der Inuit verschaffen.«
ATANARJUAT - DIE LEGENDE VOM SCHNELLEN LÄUFER ist eine universelle
Geschichte, die alle Menschen auf der Welt verstehen können. Dabei
handelt es sich um eine wahrhaftige Inuit-Geschichte, eine Geschichte,
die uns Kindern von den Älteren erzählt und vorgespielt wurde.
Wir zeigen in diesem Film, wie die Inuit vor Jahrhunderten gelebt haben
und welche Probleme sie hatten - angefangen bei den Hochzeiten. Was passiert,
wenn eine Frau einem Mann versprochen ist, das Gelübde aber bricht
und einen anderen heiratet?
Aber auch die äußeren Lebensumstände werden aufgezeigt:
wie sich unsere Vorfahren kleideten, wie sie mit ihren Schlittenhunden
umgingen, wie sie stritten und feierten und wie sie harte Zeiten überlebten.
Sie mussten mit schwierigen Situationen fertig werden, egal um welchen
Preis. Wir erzählen die Geschichte weiter, so wie sie uns erzählt
worden ist.
In ATANARJUAT - DIE LEGENDE VOM SCHNELLEN LÄUFER haben wir zum ersten
Mal versucht, all diese Details bildlich darzustellen, so authentisch
wie möglich. Mir ist wichtig, dass der Film als Drama und nicht als
Dokumentarfilm gesehen wird. Wie im Leben entwickelt sich das Drama durch
große Konflikte und Gefühle, die jeder Mensch in jeder Kultur
versteht. Aber unser Film hat noch ein weiteres Ziel. Als die Missionare
zu uns kamen, verurteilten sie den Schamanismus als Teufelswerk. Es interessierte
sie nicht, wie die Schamanen fühlten, wie sie Sterbende begleiteten,
die Toten besuchten, Spuren fanden oder in die Lüfte aufstiegen.
Als die Missionare uns ihre Religion aufzwangen, starben das Geschichtenerzählen
und das Tanzen zur Trommelmusik fast gänzlich aus. Unser Film ATANARJUAT
- DIE LEGENDE VOM SCHNELLEN LÄUFER ist der Versuch, diese Traditionen
wieder zu beleben. Ich selbst konnte Schamanismus nie erleben. Ich habe
immer nur davon gehört. Ihn zu filmen, war eine Möglichkeit,
ihn sichtbar zu machen.
Die Wurzeln des Projektes
ATANARJUAT - DIE LEGENDE VOM SCHNELLEN LÄUFER basiert auf einer
Inuit-Legende, die annähernd 1.000 Jahre alt ist. Von Generation
zu Generation haben die Ältesten der Inuit die Legende von Atanarjuat
durch die mündliche Überlieferung am Leben erhalten, um die
Jüngeren zu lehren, wie verheerend es sein kann, wenn man die persönlichen
Wünsche über die Bedürfnisse der Gruppe stellt.
Früher wurden die kleinen Gruppen nomadischer Inuit von Schamanen
angeführt. Die Frauen besaßen kunstvolle Gesichts-Tatoos und
trugen wunderschön geflochtenes Haar. Ihre Messer waren leicht gebogen
und hatten Klingen aus Knochen oder Stein. Die Männer bauten Schlitten
aus Karibu-Geweihen und Sehnen. Die Kleider wurden aus Karibu-, Wolfs-
und Seehundfellen und teilweise auch aus Vögelhäuten hergestellt.
Die Familien schliefen in Schneehäusern, den so genannten Iglus,
und in Steinhäusern, die mit Öllampen, gefüllt mit Seehund-
und Fischtran, warm gehalten wurden. In dem Film ATANARJUAT werden diese
Details zum ersten Mal mit einer großen Authentizität geschildert,
da der Film fast ausschließlich von Inuit produziert wurde. ATANARJUAT
- DIE LEGENDE VOM SCHNELLEN LÄUFER entmystifiziert die Idee des Exotischen,
mehr noch, der Film verweigert sich jeder stereotypischen Betrachtungsweise
indigener Völker. Die Geschichte von ATANARJUAT - DIE LEGENDE VOM
SCHNELLEN LÄUFER verdeutlicht vielmehr Konflikte und Emotionen, die
in jedem Kulturkreis vorkommen.
Die Kunst des Geschichtenerzählens
Das Geschichtenerzählen der Inuit ist eine der ältesten Kunstformen
der Welt. Und sie wird noch heute praktiziert. Seit mehr als 4.000 Jahren
werden im Nomadenstamm der Igloolik das ganze Wissen, die Kultur, die
Philosophie von Generation zu Generation mündlich überliefert.
Es gibt keine schriftlichen Aufzeichnungen.
Während sich andere Kulturen mit Tempelbauten und dem Aufbau riesiger
Imperien hervortaten, materiellen Wohlstand schufen oder Kriege führten,
haben die Inuit gelernt, gute Geschichten zu erzählen: so unterhaltsam
und spannend, dass die Zuhörer in ihren Bann gezogen werden. Dabei
transportieren sie überaus komplexe kulturelle Informationen, die
subtil verschiedene Verständnisebenen verknüpfen und dennoch
für alle nachvollziehbar sind.
Für die Inuit bedeutet der Film ATANARJUAT - DIE LEGENDE VOM SCHNELLEN
LÄUFER eine Weiterführung der mündlich überlieferten
Geschichte, nunmehr aber übertragen auf das moderne Medium Film für
zukünftige Generationen.
Den anderen Zuschauern auf der Welt verschafft ATANARJUAT - DIE LEGENDE
VOM SCHNELLEN LÄUFER zum ersten Mal einen Zugang zum Geschichtenerzählen
der Inuit.
Inspiriert durch diese uralte Tradition haben wir beim Drehen des Filmes
versucht, die überaus intelligente und äußerst komische
Erzählweise der Geschichtenerzähler bildlich umzusetzen. Je
genauer man hinschaut, desto mehr kann man das sehen, denn das wahre Geschichtenerzählen
wird wesentlich mehr durch die Körpersprache als durch Worte ausgedrückt.
Drehbuchautor Paul Apak Angilirq, hielt als erster diese reiche Tradition
des Erzählens fest und schrieb somit weltweit das erste Drehbuch
in der Sprache der Inuit, Inuktitut. Apak interviewte zuerst acht der
Ältesten. Jeder erzählte seine Version, wie ihm die Legende
überliefert worden war. Gemeinsam mit fünf weiteren Autoren
fügte Apak die Legende in einem Drehbuch zusammen, das sie in Inuktitut
schrieben. Später folgte eine englische Version. Als das Drehbuch
geschrieben wurde, kommentierten und diskutierten die Ältesten jede
Beschreibung und Formulierung, sie feilten an der Sprache, wurden nicht
müde, die Beziehungen, Hintergründe und Motivationen innerhalb
der Legende zu erklären, die für unsere heutige modernisierte
Gesellschaft nicht immer augenblicklich nachvollziehbar erscheinen.
"[Der Film] erzählt eine Geschichte, eine Legende, deren Ursprung
weit in die frühe Kultur der Inuit zurückreicht", erklärte
Paul Apak Angilirq 1998 in einem Interview, kurz bevor er an den Folgen
seines Krebsleidens starb. "Es gelang uns, sowohl das Wissen als
auch die Tradition zu wahren. Wir haben versucht, die Sprache soweit wie
möglich zurückzuverfolgen und diese ursprüngliche Sprache
auch zu verwenden. Wir haben uns sehr viel Zeit genommen, mehr über
unsere Kultur zu erfahren. Am Ende haben wir viel mehr erreichen können,
als wir am Anfang jemals erwartet hätten."
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